Stimmen zur Nachhaltigkeit

Jörn Huber
Vorstandsvorsitzender FAMAB Kommunikationsverband e.V.

Der FAMAB-Sustainability Summit 2017

Nachhaltigkeit ist bereits fast eine Art Lebensstil und das aus guten Gründen: Jeder weiß, dass Rohstoffe knapper und teurer werden. Die Schonung von Ressourcen ist sicher eine Frage der ethischen Verantwortung und der praktischen Vernunft. Vom veränderten Denken in der Gesellschaft bleibt auch die Wirtschaft nicht unberührt. Eine neue Geschäftsmoral gewinnt zunehmend an Bedeutung, die nachhaltiges Denken und Handeln als festen Bestandteil des eigenen Geschäftsverständnisses im Sinne einer unternehmerischen Sozial- und Umweltverantwortung begreift. Man kann das Ganze aber auch nüchterner und weniger idealistisch sehen: Das Thema Nachhaltigkeit ist auch deshalb in den Unternehmen angekommen, weil es jenseits ethischer Wertemaßstäbe und gesellschaftlicher Forderungen nicht zuletzt auch um klare und harte ökonomische Aspekte geht.

Das Thema Sustainability wird aus offensichtlichen Gründen weiter an Bedeutung zunehmen und je mehr sich das Bewusstsein für Nachhaltigkeit durchsetzt, desto höher wird die wirtschaftliche Relevanz. Durch diesen Mechanismus ändert sich auch die Gleichung: Nachhaltigkeit entwickelt sich von einer „Nice-to-have“-Option zu einem harten „Must-have“-Standard! Der FAMAB hat diese Entwicklungslinien bereits sehr früh erkannt und deshalb schon seit 2010 Branchenstandards und Lösungen für die gesamte Veranstaltungs- und Messewirtschaft entwickelt. Die Spannweite der Tätigkeiten reicht von nachhaltigen Produkten über Logistikkonzepte bis hin zur Zertifizierung eines gesamten Unternehmens als Sustainable Company. Das Angebot richtet sich dabei nicht nur an die eigenen Mitglieder, sondern schließt ebenfalls Nicht-Mitglieder und Kundenunternehmen ein.

Diesem Anspruch als Vordenker wollen wir weiterhin gerecht werden. Aus diesem Grunde richten wir als FAMAB in Kooperation mit der auf Nachhaltigkeit spezialisierten Beratungsagentur 2bdifferent am 2. Februar 2017 in der Dortmunder Westfalenhalle erstmalig den FAMAB-Sustainability-Summit aus. Der Begriff „erstmalig“ ist bewusst gewählt: Unser festes Ziel ist die Etablierung eines jährlich wiederkehrenden Formats, das sich ausschließlich mit dem Thema Sustainability beschäftigt. Als Branchenverband wollen wir relevante Anstöße mit einem praktischen Business-Impact bieten. Deshalb stellt der Kongress eine Plattform bereit, die zweierlei leistet: Sie bringt, erstens, Auftraggeber und Auftragnehmer zusammen, um Entwicklungsprozesse anzustoßen und Dinge auf praxisrelevanter Ebene voran zu treiben, und sie ermöglicht, zweitens, den umfassenderen Dialog zwischen Vertretern aus Branche, Unternehmen, Wissenschaft und Politik. Wir als FAMAB sind davon überzeugt, dass aufgrund der thematischen Vielfalt gerade in Sachen Nachhaltigkeit der Austausch unterschiedlichster Sichtweisen, Vorstellungen und Expertisen unerlässlich ist. Von diesem Austausch profitieren alle Beteiligten!

Jan Kalbfleisch
Geschäftsführer FAMAB Kommunikationsverband e.V.

Ist das die perfekt (grüne) Welle?


Der FAMAB – Insider wissen das – beschäftigt sich schon verhältnismäßig lange mit dem Thema Nachhaltigkeit. Neben einem eigenen Nachhaltigkeitszertifikat für Unternehmen – „Sustainable Company“ – und einem für nachhaltige Projekte – „Sustainable Project“ –, haben Mitglieder unter dem Motto „Eine Branche übernimmt Verantwortung“ die FAMAB-Stiftung ins Leben gerufen, die unter anderem ein nachhaltiges Forstprojekt in Panama initiiert hat. Das ist für einen kleinen Branchenverband schon aller Ehren wert, finde ich.

Dennoch, wenn Sie mich vor sechs Monaten gefragt hätten, hätte ich dem Thema Nachhaltigkeit keinen großen Wert mehr beigemessen. Irgendwie war mein Eindruck, die Wiesen sind verteilt. So richtige Begeisterung konnte ich nicht mehr spüren. Weder bei den Menschen im FAMAB, noch bei mir selbst. Obwohl mir nach wie vor der logische Zwang zu nachhaltigem Wirtschaften überaus einleuchtend erschien (und erscheint).

Auch die Mitglieder im FAMAB teilen sich hier in zwei Lager. Die Idealisten, die Nachhaltigkeit als Mensch ebenso leben wie als Unternehmen und dies primär nicht aus irgendwelchen geschäftsstrategischen Überlegungen hinaus. Und die anderen. Die zwar die Wichtigkeit an sich nicht bestreiten, jedoch nicht – aus ihrer Sicht zweckfrei – vorpreschen wollen. In Gesprächen kommt von diesem Teil oft die Frage „Wie viele Aufträge bekomme/bekäme ich dadurch mehr?“.

Und eigentlich könnte an dieser Stelle schon das „… und sie lebten glücklich bis an ihr seliges Ende“ kommen, wenn nicht seit einigen Wochen eine Welle der Nachhaltigkeit (man verzeihe mir das Wort „grün“ im Titel) über unsere Branche schwappen würde.

Der Auslöser dieser Welle sind mit großer Wahrscheinlichkeit die ab 2017 auf europäischer Ebene geltenden Berichtspflichten zum Thema Nachhaltigkeit. Etwas verkürzt sehen diese vor, dass kapitalmarktorientierte Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern ausführlich über ihre nichtfinanzielle Nachhaltigkeit berichten müssen. Dies meint ausdrücklich nicht nur Umweltschutz, sondern auch Berichte zu CO2-Belastung, Gesundheit der Mitarbeiter, Gleichstellung und Inklusion, um nur einige zu nennen. Schätzungen gehen davon aus, dass es sich in Deutschland um ca. 6.000 Unternehmen handelt, die der Berichtspflicht nachkommen müssen.

Wo ist da nun die Verbindung zu unserer Branche?

Nun, diese Unternehmen sind nicht nur verpflichtet, über ihre eigenen Aktivitäten zu berichten. Auch ihre Dienstleister sind in die Berichtskette eingebunden. Zumindest faktisch. Denn wie soll ein Unternehmen über seinen Ressourcenverbrauch und CO2 Footprint berichten, ohne seine Dienstleister um entsprechende Informationen zu „bitten“. Das bitten steht hier bewusst in Anführungszeichen, denn was wir derzeit erleben, hat schon eher etwas von „friss oder stirb“.

So werden langjährige Partner, z.B. aus dem Bereich Messebau, mit Anforderungen konfrontiert, die, wenn diese nicht erfüllt werden, zu erheblichen Geschäftseinbußen bis hin zum vollständigen Auslisten führen. Und diese Anforderungen sind überaus umfangreich – mehr als „Sustainable Company“ derzeit vorsieht – und versehen mit engen zeitlichen Vorgaben. Ein Unternehmen, dass sich bisher nicht mit dem Thema beschäftigt hat, wird Zeit und Geld in erheblichem Maße aufwenden müssen, um dies zu erfüllen.

Wer jetzt denkt „Nur gut, dass ich keine solchen Unternehmen als Kunden habe!“ freut sich vielleicht ein wenig zu früh. Denn es ist davon auszugehen, dass die Verpflichtung der 6.000 großen Unternehmen durch Kunden-/Lieferantenvernetzung sehr schnell zu einer faktischen Berichtspflicht für nahezu alle Unternehmen aller Größen und Branchen werden wird.

Als Verband stehen wir nach wie vor zur Wichtigkeit des Themas Nachhaltigkeit. Die Art und Weise, wie gerade wieder einmal Forderungen aus den konzerneigenen Wellenbädern auf unsere Mitglieder überschwappen, würden wir uns klar anders wünschen. Und dass sich derzeit ausgerechnet die Automobilbranche zum Vorkämpfer für das Gute auf dieser Welt geriert, hat schon etwas Surreales. Nur, was bringt solches „barking at the moon“? Ich persönlich hoffe jedoch, dass am Ende auch einiges nicht ganz so heiß gegessen werden wird, wie derzeit gekocht.

Doch die Richtung ist klar. Nachhaltigkeit wird derzeit von der Kür zur Pflicht. Und die Frage wird möglicherweise schon bald nicht mehr lauten „Wie viele Aufträge bekomme ich dadurch mehr?“, sondern „Wie viele Aufträge bekomme ich nicht mehr?“.