Tollwood – ein Festival für Mensch und Umwelt Das Festival als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit

Wer in Bayern lebt kennt das Tollwood-Festival. Es ist aber auch außerhalb der Grenzen des Freistaats bekannt. Das Festival findet halbjährlich statt – im Sommer in Münchens Olympiapark bzw. im Winter auf der Theresienwiese, dem Standort des Oktoberfests. Auf ca. 30.000 Quadratmetern zieht die Veranstaltung im Sommer ca. 900.000 und im Winter ca. 600.000 Besucher an.

Charakteristikum des Festivals ist ein Drei-Säulen-Modell: Markt der Ideen, bio-zertifizierte Festivalgastronomie sowie ein Kulturprogramm aus Musik, verschiedenen Theaterformen, Performances und Bildender Kunst.

Tollwood: Festivalansicht Sommer 2015. Foto: Bernd Wackerbauer
Tollwood: Festivalansicht Sommer 2015.
Foto: Bernd Wackerbauer

 

Einsatz für den Umweltschutz

Seit dem ersten Festival im Jahr 1988 bestimmt ökologisches und soziales Denken und Handeln das Tollwood Festival. Der Einsatz für den Umweltschutz, der mit der Demonstration einer kleinen Solaranlage begann, wuchs über die Jahre zu einem bedeutenden Bestandteil des Festivals – mit großer Wirkkraft.

Das Motto der Tollwood-Veranstalter lautet daher auch:

„Es ist uns ein zentrales Anliegen, den ökologischen Fußabdruck des Festivals so klein wie möglich zu halten.“

Veranstaltet wird Tollwood durch die Tollwood GmbH. Das FAMAB-Blog unterhielt sich mit Stephanie Weigel, der Leiterin für Umweltprojekte beim Tollwood-Festival.

FAMAB-Blog: Frau Weigel, Tollwood engagiert sich seit für die Mensch und Umwelt und ist laut eigener Aussage seit Beginn, 1988, ein „Forum für Ökologie und Umweltbewusstsein“.  Wie kam es dazu?

Bei uns ist die Welt zu Hause!

 

Stephanie Weigel: Wir sind ein internationales Kulturfestival, bei uns ist die Welt zu Hause. Dieser Welt fühlen wir uns verpflichtet. Seit dem ersten Festival 1988 war klar, dass wir unseren ökologischen Fußabdruck auf ein Minimum reduzieren, unseren Beitrag zu einer gerechteren Welt leisten wollen. Dies ist ein wichtiger Teil unserer Philosophie. Lebensfreude, Kulturgenuss und nachhaltiges Engagement gehören für uns zusammen.

Tollwood: Sommerfestival 2007 Foto: Markus Dlouhy
Tollwood: Sommerfestival 2007
Foto: Markus Dlouhy

 

FAMAB-Blog: Frau Weigel, können Sie uns die Grundsätze der Veranstalter verdeutlichen?

Stephanie Weigel: Vermeiden, was vermeidbar ist. So weit wie möglich ausgleichen, was nicht vermieden werden kann. Und dabei alle ins Boot holen: Mitarbeiter, Künstler, Gastronomen und Aussteller ebenso wie die Besucher. Wenn man diese Grundsätze beherzigt, ist der Rest Handwerk.

Die Resultate sind ein motivierender Lohn der Bemühungen und ein echter Mehrwert, für die Umwelt wie für die Veranstaltung. Beispiel Klima: Die Bio-Gastronomie erspart dem Klima 116 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, dazu kommen weitere 620 Tonnen durch den grünen Festivalstrom. Kombiniert mit der Stromeinsparung durch den Einsatz effizienter Veranstaltungstechnik und die Beratungs- und Energiechecks für Aussteller, kommt unter dem Strich ein echter Beitrag zum Klimaschutz heraus. Wenn man dann noch, wie bei Tollwood, die Maßnahmen zur Besuchermobilität einbezieht, dank derer drei Viertel der Festivalbesucher klimafreundlich anreisen, und die nicht vermeidbaren Treibhausgase – wie beispielsweise Künstlerreisen oder Transporte – über eine Klimaagentur ausgleicht, dann steht am Ende eine klimaneutrale Großveranstaltung. Es gibt so viele Möglichkeiten, große und kleine Maßnahmen, den eigenen Fußabdruck zu verkleinern!

Nachhaltigkeit passiert nicht von allein!

 

Klar ist: Nachhaltigkeit passiert nicht von allein. Dafür braucht es klare Zielsetzungen, alle Beteiligten müssen einbezogen werden. Klar ist aber auch: Nachhaltige Veranstaltungen sind kein Hexenwerk. Umweltschutz ist machbar und finanzierbar.

Tollwood: Strange Fruit Foto: Bernd Wackerbauer
Tollwood: Strange Fruit
Foto: Bernd Wackerbauer

FAMAB-Blog: Alle Gastronomen, die pro Jahr rund 1,5, Millionen Gäste bewirten, haben bestimmt Auflagen zu erfüllen. Welche sind das?

Stephanie Weigel: Die Zutaten müssen zu 100 % aus biologischem Anbau stammen. Sofern sie aus den sogenannten Entwicklungsländern stammen, müssen sie zusätzlich ein Siegel des Fairen Handels tragen. Beispiele sind Tee, Kaffee, Reis, Wein oder Bananen. Ausnahmen sind nur in begründeten Sonderfällen und nach Absprache zugelassen. Die Realität zeigt aber: Es braucht kaum Ausnahmen und die Versorgung mit Bio-Lebensmitteln ist heutzutage nahezu umfassend und problemlos möglich.

FAMAB-Blog:. Seit 2003 ist die Festivalgastronomie sommers wie winters nach den Richtlinien der EG-Öko-Verordnung zertifiziert. Und wie sieht die Bio-Zertifizierung der Festivalgastronomie genau aus?
Stephanie Weigel: Jeder Gastronomiestand muss sich jedes Festival aufs Neue bio-zertifizieren lassen. Entweder beauftragen die Gastronomen selbst eine der offiziellen Öko-Kontrollstellen oder sie lassen sich durch die „Gesellschaft für Ressourcenschutz“ (GfRS) zertifizieren, mit der Tollwood zusammen arbeitet. Kontrollen – durch die Zertifizierungsstelle oder durch uns als Veranstalter – gehören zu diesem Prozess dazu. Und natürlich kommunizieren wir die Bio-Qualität der Festivalgastronomie an unsere Gäste. Das ist ja ein Mehrwert.

FAMAB-Blog: In wieweit unterstützen Sie die Aussteller und Gastronomen bei der Erfüllung der Auflagen?

Stephanie Weigel: Der Bezug von Bio-Lebensmitteln ist heutzutage kein Problem mehr, auch nicht für Veranstaltungen von der Größenordnung des Tollwood Festivals. Wo nötig unterstützen wir unsere Gastronomen – zum Beispiel bei der Auswahl der Speisen oder der Kalkulation. Die Verwendung regionaler und saisonaler Zutaten und eine gute Kalkulation beispielsweise sind wichtig, um bei 100 % Bio in einem vom Besucher akzeptierten preislichen Rahmen zu bleiben. Hier beraten wir gerne, schlagen Brücken zu Zulieferern und Großanbietern. Auch im Non-Food-Bereich stellen wir Informationen oder Kontaktadressen bereit, was beispielsweise Bezugsquellen für fair produzierte Waren und Rohstoffe anbelangt. „Fordern und fördern“ – so könnte man unsere Herangehensweise zusammenfassen, die sich sehr bewährt hat.

Bereits Anfang der 90er Jahre initiierte Tollwood das „Speisen auf Porzellan“.

FAMAB-Blog: Erzählen Sie uns bitte etwas über die Initiative „Müll: weniger ist mehr“.

Stephanie Weigel: Jede Veranstaltung erzeugt Müll. Ein Großteil davon kann jedoch vermieden werden. Anfang der 90er führte das Tollwood Festival als erste Großveranstaltung in München Mehrweggeschirr auf dem Festival ein. Andere Großveranstaltungen wie das Oktoberfest zogen in den kommenden Jahren nach. Die strikte Müllvermeidung und -trennung für Besucher wie Aussteller ist eine Selbstverständlichkeit. Dank eines sehr differenzierten und stringenten Trennsystems vor und hinter den Kulissen können über 50 Prozent des Müllaufkommens dem Recycling zugeführt werden – ein für Großveranstaltungen sehr hoher Wert. Seit Sommer 2012 ist das Festival zudem Plastiktüten-frei. Müllvermeidung und Recycling ersparen der Umwelt nicht nur Unmengen an Abfall – sie sparen dem Veranstalter auch viel Geld. Das kann an anderer Stelle für weitere Umweltschutzmaßnahmen eingesetzt werden.

FAMAB-Blog: Tollwood erhielt viele Auszeichnungen für seine Initiativen – beispielsweise das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland für Tollwood-Festivalchefin Rita Rottenwallner – 2010 oder die Bayerische Staatsmedaille für Verdienste um Umwelt und Gesundheit 2008. Erleichtern Ihnen diese Auszeichnungen das Leben?

Stephanie Weigel: Wir freuen uns sehr über die Auszeichnungen und die damit verbundene Anerkennung unseres Engagements. Freude beflügelt bekanntlich – von daher unterstützen die Auszeichnungen tatsächlich unsere Arbeit. Unsere Bemühungen um einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck würden wir jedoch auch ohne Auszeichnungen in gleicher Weise verfolgen – sie sind Teil unserer Philosophie und uns ein Herzensanliegen.

FAMAB-Blog: Was raten Sie anderen Veranstaltern, um umweltbewusst zu agieren?

Stephanie Weigel:

  • Verantwortung übernehmen – und dabei authentisch bleiben: Jede Veranstaltung, ob groß oder klein, hat umweltrelevante Auswirkungen. Dafür tragen wir Veranstalter Verantwortung. Und das erwarten Besucher und Kunden heutzutage auch. Wichtig ist, wirklich relevante Maßnahmen zu ergreifen. Ein „grünes Mäntelchen“ nutzt weder der Umwelt, noch dem Veranstalter – es wird schnell entlarvt.
  • Anfangen – und dann eine Baustelle nach der anderen bearbeiten: Alles auf einmal anzupacken überfordert. Wir empfehlen, zunächst die wichtigsten Maßnahmenfelder zu identifizieren und dann dort zu beginnen, wo der Anfang vergleichsweise leicht fällt. Auf grünen Strom umzustellen ist z.B. vergleichsweise leicht. Wenn die Umstellung mit Energiesparmaßnahmen flankiert wird, können gleichzeitig etwaige Mehrkosten aufgefangen werden.
  • Das Rad nicht neu erfinden: Inzwischen gibt es eine große Bandbreite hilfreicher Informationen und Beratungsmöglichkeiten, auf die man zurückgreifen sollte. Auch das Netzwerken mit Veranstaltern, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen oder diese schon gemeistert haben, lohnt sich. Wir sind beispielsweise immer gerne bereit, unsere Erfahrungen zu teilen.

FAMAB-Blog: Frau Weigel, herzlichen Dank für das Gespräch!

Interviewpartnerin:

Stephanie Weigel
Stephanie Weigel

Stephanie Weigel leitet den Bereich „Mensch und Umwelt“ des Tollwood Kulturfestivals mit Sitz in München. Mit seinen zwei je vierwöchigen Festivals zieht das Festival jährlich rund 1,5 Millionen Besucher an. Seit seiner Gründung im Jahr 1988 engagieren sich die Veranstalter dafür, den ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Die Maßnahmen reichen von Bio-Gastronomie, Müllvermeidung, Klimaschutz bis zum Fairen Handel auf dem „Markt der Ideen“. Mit dem Veranstaltungszelt „Weltsalon“ sowie diversen Kampagnen bietet Tollwood aktuellen ökologischen und gesellschaftlichen Themen eine große Bühne. Bevor Stephanie Weigel 2006 zu Tollwood stieß, arbeitet die Diplom-Pädagogin zehn Jahre lang als Kampaignerin für Greenpeace Deutschland im Bereich Freiwilligenarbeit und Kampagnenplanung. 

Pia Kleine Wieskamp

Kommunikationsexpertin bei POINT-PR
Pia Kleine Wieskamp arbeitet als selbstständige Kommunikationsexpertin, Trainerin und Beraterin in den Bereichen Storytelling (story-baukasten.de), Kommunikation und Marketing bei POINT-PR. Zudem ist sie als Bloggerin unterwegs.

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Pia Kleine Wieskamp

Pia Kleine Wieskamp arbeitet als selbstständige Kommunikationsexpertin, Trainerin und Beraterin in den Bereichen Storytelling (story-baukasten.de), Kommunikation und Marketing bei POINT-PR. Zudem ist sie als Bloggerin unterwegs.

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