Raumwelten 2017 Wissensräume: neue Lernwelten

Ausbildung und Wissensvermittlung nehmen durch die Digitalisierung neue Formen an: Lernen wird temporär, multidisziplinär und kollaborativ. Die Zeiten von statischem Wissen und Orten sind vorbei. Das erfordert auch beim Konzipieren, Bauen und Inszenieren von Lernwelten ein radikales Umdenken.

Durch die digitale Transformation vermehren sich Daten in immer kürzerer Zeit. Pure Wissensvermittlung kann dieser Informationsflut nicht mehr gerecht werden. Es gilt, andere Fähigkeiten für das 21. Jahrhundert auszubilden, die weniger mit Faktenwissen als mit Verhaltensweisen zu tun haben: Kreativität, Zusammenarbeit, kritisches Denken, Kommunikation. „Im Zentrum muss die Entwicklung von Kompetenzen stehen“, fordert der Wissenschaftsphilosoph John Erpenbeck.

Die renommierte Trendforscherin Birgit Gebhardt, Referentin im Panel „Wissensräume“ der Raumwelten 2017, schreibt dazu in ihrer Studie über „Kreative Lernwelten“: Das neue Lernen „sprengt institutionelle Bildungsgrenzen, bedient sich erweiterter Erfahrung, verschmilzt mit Entertainment und steht 24/7 zur Verfügung.“

Cover Kreative Lernwelten, Illustration: Yang Liu Design

 

Diese Anforderung hat auch die Gestaltung von Wissensräumen radikal verändert: Bibliotheken sind vom klösterlichen Studierzimmer zu Begegnungsplattformen mutiert und Wissenschaftsmuseen sind vom linearen Parcours zur offenen Erzählung übergegangen. Öffnung und Zugang heißen die neuen Ordnungsprinzipien und wie konkret diese umgesetzt werden, zeigt das Panel „Wissensräume“ anhand aktueller Trends und herausragender Bauten.

Von der Bibliothek zum Campus

Am deutlichsten zu sehen ist diese Entwicklung an der Gestaltung von Bibliotheken. Weltweit entstehen gerade neue Kathedralen der Wissensvermittlung, die gleichzeitig auch als Wohnzimmer, Leselounge, Event-Bühne, Workshop-Arena, Mobile Office, Café oder Kinderspielplatz genutzt werden können. Diese neuen Bauten sind Kulturzentren mit riesigen Atrien wie die Tianjin Binhai Library oder die Bibliothek der Delft University of Technology.

Atrium der Tianjin Binhai Library, Rendering: MVRDV
Atrium der Bibliothek der Delft University of Technology, Foto: Mecanoo architecten

Die Leseräume selbst werden dabei immer offener. Überall sind Blickbeziehungen möglich, entweder in andere Bereiche und Stockwerke hinein oder nach draußen. Eine Atmosphäre der Transparenz dominiert. Schöne Beispiele dafür sind die Bibliotheksbauten des  französischen Architekten Dominique Coulon, die Bibliothek von Birmingham oder die noch im Umbau befindliche New York Public Library, die 2019 fertiggestellt sein soll – beide gestaltet von dem international führenden Architekturbüro Mecanoo aus Delft.

Media Library Thionville, Foto: Dominique Coulon & associés
Media Library Thionville, Foto: Dominique Coulon & associés
Blickbeziehungen in der New York Public Library, Rendering: Mecanoo architecten

Natürlich bleiben Orte des Rückzugs für Lesen, Lernen, Arbeiten und Spielen. Aber nicht mehr hinter geschlossen Türen, sondern eingebunden in den Wissensraum selbst: ob in Form von halb offenen Kojen und Nischen oder in Form von Möbeln, die Rückzug und Austausch zugleich ermöglichen.

Lesekoje in der Media Library Thionville, Foto: Dominique Coulon & associés
Rückzugs- und Kommunikationszone zugleich: Couch-Möbel, Foto: Mecanoo architecten

Der Museumsparcours: offen statt linear

Für den Bereich Ausstellungsgestaltung exemplarisch ist die gerade frisch wiedereröffnete Dauerausstellung des Museums für Kommunikation in Frankfurt, gestaltet von Archimedes Exhibitions, Berlin. Hier wurden 44 Themeninseln auf 25.000 qm „demokratisch“ inszeniert, d.h. es gibt keinen Anfang und Ende, keine Hierarchie oder Chronologie – maßgebend ist die individuelle Raumerfahrung: „der Besucher kann frei durch die Szene navigieren wie durch das World Wide Web“ (Jörg Schmidtsiefen, Archimedes, Exhibitions).

 

 

 

“MEDIENGESCHICHTE|N neu erzählt!”, Museum für Kommunikation Frankfurt.
Foto: Michael Feser / Archimedes Exhibitions
Der Besucher „surft“ frei durch die Themeninseln. Foto: Michael Feser / Archimedes Exhibitions
Dr. Petra Karin Kiedaisch

Dr. Petra Karin Kiedaisch

Verlegerin und Herausgeberin bei av edition GmbH
Seit 2014 geschäftsführende Gesellschafterin des Verlags av edition GmbH in Stuttgart – zusammen mit Bettina Klett. Spezialisiert auf Fachbücher zu Szenografie und Kommunikation im Raum. Das Verlagsprogramm umfasst rund 150 Fachbücher in Deutsch/Englisch und ist weltweit im Buchhandel erhältlich: www.avedition.de.

Geboren 1967, studierte Petra Kiedaisch Germanistik, BWL und Literaturvermittlung in Heidelberg, Bamberg und Washington D.C. Von 1996 bis 2011 war sie Geschäftsführerin der avedition GmbH. Hier entwickelte und produzierte sie u.a. die internationalen Jahrbücher zu Messe-, Event- und Exhibition Design, verlegte das Jahrbuch des Art Directors Club sowie zahlreiche Monografien über international erfolgreiche Gestaltungsbüros. Im Anschluss wechselte sie zum Sachbuchverlag h.f. ullmann in Potsdam, wo sie als Verlagsleiterin tätig war. Dort betreute sie ein Programm von rund 300 Buchproduktionen pro Jahr, vertrieben in rund 20 Sprachen und 70 Ländern.

Lehrtätigkeiten und Gastvorträge: Universität Bamberg; Universität Tübingen; ZKM Karlsruhe; Hochschule der Medien Stuttgart; Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd; HTWK Konstanz; EMMA Pforzheim.

Publikationen bei Reclam, Niemeyer, Fink, avedition, Königshausen & Neumann. Zuletzt Mitherausgeberin von: Kompendium Corporate Identity und Corporate Design (2013)
Dr. Petra Karin Kiedaisch

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Seit 2014 geschäftsführende Gesellschafterin des Verlags av edition GmbH in Stuttgart – zusammen mit Bettina Klett. Spezialisiert auf Fachbücher zu Szenografie und Kommunikation im Raum. Das Verlagsprogramm umfasst rund 150 Fachbücher in Deutsch/Englisch und ist weltweit im Buchhandel erhältlich: www.avedition.de. Geboren 1967, studierte Petra Kiedaisch Germanistik, BWL und Literaturvermittlung in Heidelberg, Bamberg und Washington D.C. Von 1996 bis 2011 war sie Geschäftsführerin der avedition GmbH. Hier entwickelte und produzierte sie u.a. die internationalen Jahrbücher zu Messe-, Event- und Exhibition Design, verlegte das Jahrbuch des Art Directors Club sowie zahlreiche Monografien über international erfolgreiche Gestaltungsbüros. Im Anschluss wechselte sie zum Sachbuchverlag h.f. ullmann in Potsdam, wo sie als Verlagsleiterin tätig war. Dort betreute sie ein Programm von rund 300 Buchproduktionen pro Jahr, vertrieben in rund 20 Sprachen und 70 Ländern. Lehrtätigkeiten und Gastvorträge: Universität Bamberg; Universität Tübingen; ZKM Karlsruhe; Hochschule der Medien Stuttgart; Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd; HTWK Konstanz; EMMA Pforzheim. Publikationen bei Reclam, Niemeyer, Fink, avedition, Königshausen & Neumann. Zuletzt Mitherausgeberin von: Kompendium Corporate Identity und Corporate Design (2013)

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