Online-Messen – gibt es die wirklich? oder: Business-Entscheidungen bleiben anstrengend

Der Begriff „Messe“ scheint eine gewaltige Faszination zu haben – und er ist offensichtlich positiv besetzt. Warum sonst gibt es so viele Business-Events, die sich mit mehr oder weniger Berechtigung Messe nennen – von den Hausmessen einzelner Hersteller über Küchenmessen im Möbelhaus bis zu Onlinemessen.

Merkmale von Messen

Zunächst einmal: Was sind eigentlich die typischen Merkmale einer Messe? Kurz gesagt: Messe ist eine Kombination aus Face-to-Face-Kommunikation und der vergleichenden Beurteilung von Produkten oder Leistungen. Und was braucht man dazu? Vor allem die Realität und Produkte von deutlich mehr als einem Anbieter. Denn nur Realität macht es möglich, Qualitäten von Produkten zu beurteilen: Verarbeitung, Farben, Oberflächen, Funktionsfähigkeit und Bedienungskomfort.

Es gilt weiter das Motto: auf Messen muss man beweisen, was man in der Werbung verspricht. Denn ein größerer Teil der Messebesucher will nach dem Besuch Entscheidungen treffen oder an Kollegen konkrete Empfehlungen geben und mit dem Messebesuch nicht nur 5 % der customer journey absolvieren.

Wie bequem man sitzen kann, ist online schwer zu testen © imm cologne_Köln_Koelnmesse GmbH

Und deswegen braucht der Besucher auch Produkte von mehr als einem Anbieter. Er will ja das Produkt mit dem besten Preis-/Leistungsverhältnis und dafür will und muss er vergleichen und zwar mit überschaubarem Aufwand. Wir haben ja nicht ewig Zeit!

Und wie schneidet bei diesem Maßstab die Hausmesse ab? Natürlich kann ich dort persönlich kommunizieren und echte Produkte beurteilen. Aber beim Thema Vergleichbarkeit gibt es null Punkte, denn vergleichen kann ich erst nach fünf Hausmessebesuchen im nächsten Vierteljahr. Also ist die Bezeichnung Messe ziemlich verwegen.

Auf Messen kann nicht nur die Verarbeitung sondern auch die Funktionalität überprüft werden. © interpack_Düsseldorf_Messe Düsseldorf GmbH
Auf Messen kann nicht nur die Verarbeitung sondern auch die Funktionalität überprüft werden. © interpack_Düsseldorf_Messe Düsseldorf GmbH

Onlinemesse als Chance der Zukunft?

Und die Onlinemesse? Hier heißt das Motto: Von allem ein bisschen. Ich kann mit viel technischem Aufwand kommunizieren und dabei vielleicht auch das Gesicht meines Gesprächspartners sehen, aber ein richtiges Gespräch über ein Produkt ist doch mühsam. Es ist schließlich nicht selbst anwesend. Und ein Produkt bewerten? Da ist der Online-Kunde immer noch mehr auf Versprechungen als auf das eigene Urteil angewiesen. Dementsprechend schwierig sind dann Vergleiche, außer vielleicht bei Rahmenbedingungen wie Preisen, Lieferkonditionen oder Serviceleistungen. Wem das reicht, nun gut. Die besten Chancen haben Onlinemessen sicher beim Angebot von Dienstleistungen, denn da haben auch die echten Messen ihre Probleme. Aber sonst ersetzen Onlinemessen nicht viel mehr als das vor Jahrzehnten übliche Prospektsammeln auf Messen. Von einer „Messe“ soll man doch etwas mehr erwarten. Fazit: Business-Entscheidungen sind heute und auch morgen noch anstrengend, etwa in Form von Besuchen realer Messen mit anschließender interner Diskussion. Ähnlich fundierte Entscheidungen allein aus dem Bürosessel dürften noch etwas auf sich warten lassen.

 

Harald Kötter

Harald Kötter

Geschäftsbereichsleiter Öffentlichkeitsarbeit & Messen Deutschland bei AUMA Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft e.V.
Harald Kötter, Diplom-Volkswirt, Jahrgang 1954, ist seit 1980 im AUMA beim Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft tätig, zunächst als Referent im Bereich Inlandsmessen, seit 1989 als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2006 ist er als Geschäftsbereichsleiter Öffentlichkeitsarbeit & Messen Deutschland auch verantwortlich für die Beobachtung und Analyse des deutschen Messemarktes. Darüber hinaus ist er Geschäftsführer der Gesellschaft zur Freiwilligen Kontrolle von Messe- und Ausstellungszahlen (FKM).
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Harald Kötter, Diplom-Volkswirt, Jahrgang 1954, ist seit 1980 im AUMA beim Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft tätig, zunächst als Referent im Bereich Inlandsmessen, seit 1989 als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2006 ist er als Geschäftsbereichsleiter Öffentlichkeitsarbeit & Messen Deutschland auch verantwortlich für die Beobachtung und Analyse des deutschen Messemarktes. Darüber hinaus ist er Geschäftsführer der Gesellschaft zur Freiwilligen Kontrolle von Messe- und Ausstellungszahlen (FKM).

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