Raumwelten 2017: New Order! Zehn Spannungsfelder für die Gestaltung neuer Arbeitswelten

Raumwelten – Plattform für Szenografie, Architektur und Medien – und FAMAB AWARD kooperieren auch 2017 wieder. Besucher profitieren vom gemeinsamen Kombiticket, das Sie unter www.famab.de direkt buchen können. Raumwelten greift in den Paneld und Präsentationen Themen und Fragen auf, die auch FAMAB-Mitglieder umtreiben. Das Panel Arbeitswelten wird unter dem Titel „New Order“ von Raumwelten Kurator Veit Haug präsentiert. Für weitere Informationen zur Veranstaltung: www.raum-welten.de

Die Konzeption und Umsetzung neuer, produktiver Räume ist eine hochkomplexe Aufgabe. Die Fragestellungen sind multidimensional, denn es geht um Unternehmenskultur, Werte, Technologie, Innovation, Kommunikation, Inspiration, Wandel, Interdisziplinarität, Effizienz, Nachhaltigkeit, Gesundheit, Design und Ästhetik. Mit den üblichen Planungsinstrumenten der Organisationsentwicklung und des Prozessmanagements kommen wir da nicht weit. Ich bin davon überzeugt, dass nur Kreative sich in den teils widersprüchlichen Entwicklungen der neuen Arbeitswelt bewegen und diese auch sinnvoll gestalten können. Zehn Spannungsfelder drängen sich auf:

1. Digital und Analog

Die Digitalisierung der Arbeits- und Produktionsprozesse ist ein wesentlicher Treiber des Wandels in der Arbeitswelt. Wir Menschen führen aber weiterhin ein analoges Leben! Auch wenn intelligente technische Systeme immer weiter in die Arbeitswelt vordringen. Nach der fortschreitenden Digitalisierung von Büroarbeitsplätzen, wird das kollaborative Arbeiten mit Robotern auch die Produktionsarbeitswelt dramatisch verändern. Künstliche Intelligenz und Mensch-Maschine-Interaktion verlangen nach einer durchdachten Gestaltung der produktiven Räume.

Octopus Gripper, Picture: Festo AG & Co. KG

2. Public and Private

Transparenz und Offenheit gegenüber Mitarbeitern, Kunden, Kooperationspartnern prägen zunehmend die räumliche Gestaltung von Unternehmen. Es bleiben aber die Schutzbedürfnisse der Firmen im Wettbewerb – und natürlich der Schutz der Mitarbeiter in ihrer Privatsphäre.

Axel Springer Campus, Entwurf Rem Kolhaas OMA, Picture: OMA

3. Flexibilität und Stabilität

Wandel zeigt sich in vielen Branchen aktuell in Form von flexiblen Arbeitsplätzen, Desksharing, mobilem Arbeiten und einer Zunahme unabhängiger Beschäftigung. Freelancer leben in einer informellen Arbeitswelt ohne Büroalltag und Hierarchien. Doch häufig ist der Mensch von seiner Freiheit überfordert, auch weil die Grenzen zwischen Privatleben und Beruf verschwimmen. In den Unternehmen selbst, kann der stetige Wechsel den direkten Austausch von Ideen und Kontakten ermöglichen und Innovationen beschleunigen. Er kann aber auch stabile und produktive Beziehungen gefährden.

Aus: Wirtschaftswoche, Ausgabe 39, 15.9.2017

4. Struktur und Chaos

Wir beobachten, dass sich bislang räumlich konzentrierte Unternehmensstrukturen auflockern oder gar auflösen; zum Beispiel in Form von überbetrieblichen Campusstrukturen, in Hubs, Coworking Spaces oder Projekthäusern. Der Arbeitsplatz wird durch sogenannte Third Places, Orte an denen man sich inspirieren lässt, nachdenkt und entspannt, ergänzt. Trotz des Trends zu kleineren, vernetzten Einheiten, entstehen weiterhin eher geschlossene monolithische Unternehmenszentralen wie aktuell der Apple Campus II. Das Spannungsfeld zwischen dem physikalisch-räumlichen Unternehmenssitz und dem vernetzten, dezentralen Arbeiten, bleibt daher eine weitere Herausforderung für die Gestalter.

Picture: Veit Haug

5. Silicon und Neckar Valley

Kaum ein größeres Unternehmen, dessen Vertreter nicht ins Silicon Valley pilgern, um dort zu lernen, wie Entrepreneurship und Intrapreneurship ihrer schwerfälligen Linienorganisation auf die Sprünge helfen könnte. Zwischenbilanz: Nicht alles ist übertragbar und Unternehmenskultur ändert sich nur langsam. Aber für die Gestaltung ist es eine große Chance, wenn klassische Konventionen aufgegeben werden und das Topmanagement sich zu neuen Wegen bekennt.

Picture: www.startupautobahn.com

6. Globalisierung und Heimat

Für die Zusammenarbeit in internationalen und interdisziplinären Teams wurden einheitliche Prozesse und Arbeitsumgebungen gefunden (z.B. SCRUM und Design Thinking). Das ist für die globale Zusammenarbeit notwendig und gut so. Aber das sollte nicht zur Beliebigkeit der räumlichen Arbeitswelten führen. Die Kunst ist es sicherlich, lokale Identität – in einem weltoffenen Kontext – authentisch zum Ausdruck zu bringen und erlebbar zu machen.

„Die Gutbrod Bar“ für Besucher der WRS GmbH, Picture: Veit Haug

7. Open and Closed Space

Wir haben uns leider zu sehr an die Arbeit in den um Kultur und Ästhetik bereinigten Industrie- und Gewerbegebiete gewöhnt. Aber es geht auch anders: Klimahüllen beispielsweise ermöglichen offene und flexible Raumpläne. Sowohl physikalische als auch unternehmerische Ökosysteme können sich in dieser Hülle organisch entwickeln.
Dachgärten wie z.B. bei Facebook bieten Entspannung, Sinnlichkeit und „Corporate Gardening“.

Open Space unter dem Dachgarten. Facebook Headquarter. Picture: Facebook

8. Ernst und Spiel

In unserer ernsten, funktionalen und effizienten Arbeitswelt kommen Spiel und Ästhetik leider viel zu kurz. Bei einem geplanten Restmüllkraftwerk in Kopenhagen gelingt es, das Wesen der Industrie spielerisch in neuen Kontext zu setzen. Dadurch entsteht Kommunikation und oft eine ganz neue Sicht auf die Themen von Unternehmen und Wirtschaft.

Amager Bakken, Kopenhagen. Visualisierung: Bjarke Ingels

9. Work and Live

Gut gestaltete Arbeitswelten können mehr Qualität in unser Leben bringen. Als zweites Zuhause mit Raum für Sport und Spiel, gemeinsames Kochen und Essen mit Rückzugsorten. Mit wohnverträglichen Arbeits- und Produktionsformen werden gemischte Arbeits- und Lebenswelten möglich. Progressive Städte und Regionen wie z.B. Helsinki gestalten ihre Flächen aktiv für eine neue Arbeitswelt. In Nordamerika treiben Unternehmen wie z.B. Sidewalk die Entwicklung von völlig neuen Städten und Stadtteilen voran. Auch Unternehmen wie die Robert Bosch GmbH engagieren sich für ein ganzheitliches Lebens- und Arbeitsumfeld ihrer Mitarbeiter.

Picture: Nissan

Und schließlich noch…

10. XY und Z

Das Spannungsfeld der Generationen: Wir müssen heute berücksichtigen was die Generationen X, Y und Z sich als Arbeitswelt wünschen – und alle Generationen in die Gestaltungsprozesse einbeziehen. Laut neuerer Studien dürfen wir aber nicht davon ausgehen, dass Generation X konservativer und Generation Y grundsätzlich experimentierfreudiger und offener ist.

All diese Spannungsfelder – es gibt sicherlich noch weitere – liefern Energie und Potenziale für die Gestaltung neuer Arbeitswelten. Voraussetzung für den Erfolg ist jedoch eine intensive Auseinandersetzung mit der Komplexität und den multidimensionalen Zusammenhängen der Materie.

Veit Haug

Veit Haug

Leiter Geschäftsbereich Kreativwirtschaft bei Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH
Veit Haug ist Diplom-Informatiker und studierte Medieninformatik an der Hochschule Furtwangen sowie Fernsehregie und Medienästhetik an der San Francisco State University. Seit 1996 arbeitet er für die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS), verantwortete zunächst die Themen Projektentwicklung sowie International und leitet seit 2011 den Geschäftsbereich Kreativwirtschaft der WRS.
Zuvor war er für den Süddeutschen Rundfunk (SDR) als Koordinator für den initialen Aufbau und den Betrieb des Online-Angebotes verantwortlich und vertrat den Sender in der NEON Arbeitsgruppe der ARD. Er war Initiator des Vereins „Business Angels Region Stuttgart“, leitete dessen Geschäftsstelle mehrere Jahre und begleitete zahlreiche Gründungsvorhaben und Spin-Offs. An der Eberhard Karls Universität Tübingen erfüllte Veit Haug von 2001-2009 Lehraufträge zu den Themen „Medienkonzeption“ und „Management von Medienprojekten“. Derzeit engagiert sich Veit Haug mit seinen KollegInnen von der WRS für eine Internationale Bauausstellung in der Region Stuttgart 2017-2027.
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Veit Haug ist Diplom-Informatiker und studierte Medieninformatik an der Hochschule Furtwangen sowie Fernsehregie und Medienästhetik an der San Francisco State University. Seit 1996 arbeitet er für die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS), verantwortete zunächst die Themen Projektentwicklung sowie International und leitet seit 2011 den Geschäftsbereich Kreativwirtschaft der WRS. Zuvor war er für den Süddeutschen Rundfunk (SDR) als Koordinator für den initialen Aufbau und den Betrieb des Online-Angebotes verantwortlich und vertrat den Sender in der NEON Arbeitsgruppe der ARD. Er war Initiator des Vereins „Business Angels Region Stuttgart“, leitete dessen Geschäftsstelle mehrere Jahre und begleitete zahlreiche Gründungsvorhaben und Spin-Offs. An der Eberhard Karls Universität Tübingen erfüllte Veit Haug von 2001-2009 Lehraufträge zu den Themen „Medienkonzeption“ und „Management von Medienprojekten“. Derzeit engagiert sich Veit Haug mit seinen KollegInnen von der WRS für eine Internationale Bauausstellung in der Region Stuttgart 2017-2027.

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