Messebau: Wir müssen sprechen – nicht schreiben!

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Lieber Falco Zanini, Du willst sprechen?
Warum schreibst Du dann?

Ich hätte mir einen Dialog gewünscht, um den Artikel ausgewogen zu gestalten. So antworte ich auch in Textform.
Dein Einstieg in die Generalkritik der „menschenorientierten Branche“ zeigt schon gleich, wie die Verantwortlichkeiten für die (unstrittig vorhandenen) Missstände durcheinandergeworfen werden. Was kann der Messebau dafür, dass auf den Messeplätzen zu wenige Toiletten zur Verfügung stehen und diese auch noch schlecht gereinigt werden?

Dein Beispiel zeigt aber schon hervorragend, wo der Hase im Pfeffer liegt. Die Messegesellschaften drücken so ihre Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern ihrer Kunden aus. Und Kunden, die einen solchen Umgang mit den von Ihnen beauftragten Firmen akzeptieren, sind genau die, die zwar ein Top-Ergebnis zu einem möglichst günstigen Preis erwarten, sich aber vor jeder Verantwortung für das Zustandekommen dieses Ergebnisses drücken. „Wir zahlen. Fertig!“. Und damit sind sie ein großer Teil des eigentlichen Problems.

Zeitdruck und schlechte Bezahlung sind die Hauptursachen dafür, dass Sicherheitsvorkehrungen nicht beachtet oder umgangen werden.

Dein Beispiel mit den Kollegen aus Frankreich oder England trifft den Nagel auf den Kopf. Auf den Messeplätzen in Paris und London wird die Einhaltung (der teilweise sehr harten) Vorschriften regelmäßig kontrolliert. Und wer sich nicht daran hält, wird seinen Messestand nicht zu Ende bauen.

Unsere Kunden wissen das und sind bereit dafür mehr Geld zu bezahlen. Aber auch nur, weil es dort eben keine Dumping-Anbieter gibt, die in diesen Ländern auf Kosten der Sicherheit sparen können. Denn hier wird jeder kontrolliert. Ohne Ausnahme.

Das ist in Deutschland leider anders. Hier entscheidet oftmals ausschließlich der Preis. Und es gibt immer jemanden, der es billiger macht.

Wie oft habe ich mich schon gefragt, warum bei uns die Brandschutzzertifikate für die verwendeten Baumaterialien und statische Nachweise für unsere Konstruktionen vorab eingereicht und bei der Abnahme im Detail geprüft werden, während nebenan der Kollege aus China fröhlich unbehandelte Bastmatten auf eine wackelige Kantholzkonstruktion nagelt, ohne dass er auch nur darauf angesprochen wird?

Will man da von Seiten der Messegesellschaften die ausländischen Kunden nicht verärgern, die ein großes Wachstumspotenzial bedeuten? Ist es zu mühselig, einen nicht englischsprachigen Kollegen über die deutschen Sicherheitsvorschriften aufzuklären?
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Kein Monteur wird ohne Not die Sicherheitsvorkehrungen an einer Tischkreissäge entfernen und keiner der Kollegen findet es total cool, in 7 m Höhe ungesichert auf einer Leiter zu stehen. Zumindest unsere Monteure leiden nicht kollektiv unter Suizid-Sehnsüchten, sondern freuen sich genauso wie andere, wenn sie nach getaner Arbeit wieder in einem Stück zu ihren Familien zurückkommen.

Sicherheit geht immer vor!
Sicherheit geht immer vor: Egal ob an einer Tischkreissäge oder in 7 m Höhe auf einer Leiter!

Solange aber unsere Auftraggeber nicht wahrhaben wollen, dass ein Angebot, dass 20-30 % unter dem marktüblichen Preis liegt, Ursachen haben muss und solange die Messegesellschaften unzureichend und mit zweierlei Maß die Einhaltung von Sicherheitsstandards kontrollieren, werden wir weiterhin die von Dir beschriebenen Auswüchse „bewundern“ dürfen.

Aber Du hast auch viele Punkte angesprochen, die nicht unbedingt mit Geld zu tun haben. Die PSA (persönliche Schutzausrüstung) ist eine zwingend einzuhaltende Vorschrift. Und jeder Monteur sollte schon aus eigenem Antrieb bestrebt sein, diese zu tragen. Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht und stellen unseren Monteuren Warnwesten mit unserem Firmen-Logo zur Verfügung. Kleidsam und aufmerksamkeitsstark.

Auch die Anmerkung, dass die Konstrukteure bereits bei Planung des Standes Sicherheitsaspekte bei der Montage bedenken, sollte eigentlich Standard sein. Das hat rein mit professionellem Arbeiten und nicht mit dem Budget zu tun.

Aber da es ja nicht nur um das Bashing von Kunden und Messegesellschaften geht hier ein paar konkrete Vorschläge, was man ändern könnte:

  • Bei Ausschreibungen im LV einen festen (und vor allem realistischen) Wert für Hebewerkzeuge und Hilfsmittel (wie Leitern und Rollgerüste) vorgeben und später darauf achten, dass das Budget auch dafür verwendet wird.
  • Anbieter, die mehr als einen bestimmten Prozentsatz vom Durchschnittsangebot aller Anbieter nach unten abweichen aus der Ausschreibung nehmen. Solche eklatanten Unterschiede müssen ja einen Grund haben.
  • Um die soziale Nachhaltigkeit zu unterstreichen, sollten Kunden darauf bestehen (und dafür bezahlen), dass die Monteure in Einzelzimmern untergebracht werden. Wer möchte nach einem 10-Stunden-Tag mit dem schnarchenden Kollegen das Zimmer teilen, wenn man morgens wieder Höchstleistung bringen soll?
  • Messebaufirmen sollten zumindest einen deutsch- bzw. englischsprachigen Bauleiter stellen müssen, mit dem eine geregelte Kommunikation über Sicherheitsthemen möglich ist. Das würde allerdings auch bedeuten, dass der Sicherheitsbeauftragte des (internationalen) Messeplatzes ebenfalls des englischen mächtig ist.

Und so könnte man die Liste sicher noch beliebig fortsetzen.

Zuletzt, lieber Falco Zanini – wir haben im FAMAB Arbeitskreise, die sich genau mit den von Dir angesprochenen Themen befassen. Du bist herzlich eingeladen, einmal an solch einem Treffen teilzunehmen, an dem sich Branchenvertreter ehrenamtlich (!) um die Verbesserung der Bedingungen kümmern und den Dialog mit den Beteiligten suchen.
Das ist deutlich aufwendiger, als einen Artikel zu schreiben – aber nachhaltiger.

Ich freu mich auf Dein Kommen. Und dann sprechen wir.

Stephan Haida
im Namen des gesamten FAMAB-Vorstands

Geschrieben als Antwort auf
www.event-partner.de/business/messebau-wir-muessen-sprechen/

Stephan Haida

geschäftsführender Gesellschafter bei Artlife GmbH
Die Hofheimer Messe- und Setbau-Spezialisten erwirtschaften mit 50 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 15 Mio. Euro. Stephan Haida führt das Unternehmen gemeinsam mit Andreas Bedel seit 2002. Vor dieser Zeit war er selbst als Projektleiter tätig. Auch heute noch besucht er pro Jahr mehrere Dutzend Messen und Veranstaltungen und ist mit den Gegebenheiten bei Auf-/Abbauten bestens vertraut. Seit 2013 ist Stephan Haida im Vorstand des FAMAB und steht dem Ressort Marketing vor. Als Gründungsmitglied des Arbeitskreises Nachhaltigkeit des FAMAB war Stephan Haida maßgeblich an der Entwicklung des Kriterienkatalogs für das Nachhaltigkeitssiegel „Sustainable Company powered by FAMAB“ beteiligt.

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Stephan Haida

Die Hofheimer Messe- und Setbau-Spezialisten erwirtschaften mit 50 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 15 Mio. Euro. Stephan Haida führt das Unternehmen gemeinsam mit Andreas Bedel seit 2002. Vor dieser Zeit war er selbst als Projektleiter tätig. Auch heute noch besucht er pro Jahr mehrere Dutzend Messen und Veranstaltungen und ist mit den Gegebenheiten bei Auf-/Abbauten bestens vertraut. Seit 2013 ist Stephan Haida im Vorstand des FAMAB und steht dem Ressort Marketing vor. Als Gründungsmitglied des Arbeitskreises Nachhaltigkeit des FAMAB war Stephan Haida maßgeblich an der Entwicklung des Kriterienkatalogs für das Nachhaltigkeitssiegel „Sustainable Company powered by FAMAB“ beteiligt.

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