Medienkonferenzen: Lasst euch mehr erschüttern! Gastbeitrag von Mark Heywinkel

Digitale Echokammern stellen insbesondere für Journalisten eine große Gefahr dar. Medienkonferenzen können helfen, die Filterbubbles zu sprengen – doch dafür müssen sie sich verändern.

Wir gestalten unsere digitale Welt

Heute machen wir uns die digitale Welt, wie sie uns gefällt: Die Sport- und Promi-News nerven? Mit einem Klick ist der Nachrichtenfeed zurechtgefiltert. Der Schulkamerad übertreibt’s mit seinen sexistischen Bemerkungen? Schnell ist er aus der Freundesliste geblockt.

Mark Heywinkel
Mark Heywinkel ist Redaktionsleiter des journalistischen Think-Tanks VOCER und Redakteur bei ze.tt. Er hat 2015 den VOCER Innovation Day beim SPIEGEL in Hamburg sowie den Urban Journalism Salon in Berlin organisiert. Zurzeit arbeitet er mit dem Mediensalon an einem Format, das sowohl Plattform fürs Networking als auch für einen gewinnbringenden Wissensaustausch sein soll.

Was erst mal wunderbar klingt, ist allerdings gefährlich: Mit der Möglichkeit, die digitalen Kanäle immer detaillierter an unsere Bedürfnisse anzupassen, hören und sehen wir nur noch das, was wir hören und sehen wollen.

„In der Filterbubble“, schreibt Eli Pariser 2011, „gibt es weniger Raum für zufällige Begegnungen, durch die wir Einsichten gewinnen und lernen können.“ Pariser, der die Theorie der digitalen Wohlfühlräume in einem Buch sezierte, geht davon aus, dass Filterbubbles Cliquen-Bildung befeuern und kontroverse Debatten verhindern. Sie gestalten unser Leben weniger angenehm, als dass sie uns an Erfahrung und Wissen berauben.

Insbesondere Journalist*innen müssen diese Filterbubbles durchbrechen. “Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache – auch nicht mit einer guten Sache”, sagte einmal der ehemalige Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs. Und daran, “dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.“

In Echokammern, in denen nur die Meinung der Peergroup reflektiert, können Journalist*innen ihren Beruf jedoch nicht richtig ausüben. Sie brauchen den Einblick in alles, insbesondere in fremde Lebenswelten.

Vocer
VOCER Innovation Day 2015 beim SPIEGEL in Hamburg

Konferenzen sollen Komfortzonen sprengen

Gute Journalist*innen wissen Filterbubbles zu durchbrechen, klar. Aber das gestaltet sich immer schwieriger und ist mühsam. Medienkonferenzen könnten künftig zusätzliche Abrissbirnen für Echokammern sein. Sie könnten Journalist*innen dabei unterstützen, ihren Blick über den Tellerrand personalisierter Feeds auszuweiten. Manchen Medienkonferenzen gelingt das bereits sehr gut – allerdings noch nicht gut genug, da ihr Selbstverständnis noch ein anderes ist.

Mark Heywinkel meint: Gute Journalist*innen wissen Filterbubbles zu durchbrechen. Klick um zu Tweeten

Wer das Scoopcamp in Hamburg, die Medientage in München oder Tagungen der Verbände besucht, trifft dort vor allem auf Gleichgesinnte. Und unbestritten bleibt das eine wichtige, wenn nicht die elementarste Funktion einer Konferenz: Zement zu sein, für das Fundament starker Netzwerke.

Wo ließen sich Kontakte besser knüpfen als an einem Ort, an dem das potenzielle Netzwerk auf engstem Raum beisammen ist?

Doch solche Netzwerkveranstaltungen bedeuten ein Geklöne unter Gleichen, bei dem der Wissensgewinn oftmals gering ist oder ganz ausbleibt. Wer sich für Medien interessiert, der hält sich eher und besser über Branchendienste auf dem Laufenden als einmal im Jahr bei Gelegenheit x. Warum also nicht die Bühnen und Podien von Medienkonferenzen für Branchenfremde öffnen, um die Filterbubbles zu durchbrechen? Warum nicht mal junge Regisseur*innen über Storytelling berichten lassen, statt zum x-ten Mal das journalistische Leuchtturmprojekt vorzustellen, das bereits alle kennen? Warum nicht Fintech-Entrepreneur*innen neuartige Geschäftsmodelle vorstellen lassen, statt die gleichen Chefredakteur*innen zu ihren Erfahrungen mit Paid Content zu befragen? Warum nicht mal Vertreter*innen aus Ausbildungsberufen oder die oft adressierten und selten persönlich befragten sogenannten Millennials zur Blattkritik bitten?

Medienkonferenzen definieren und bepreisen sich zurzeit noch sehr stark über die big names der Branche, die sie auf die Podien bekommen (dagegen plädieren Konferenzen wie die Vocer für mehr „small names”).

Einen nachhaltigeren Nutzen könnten wir Besucher*innen und Journalist*innen aus den Events ziehen, wenn sie uns mit dem Unbekannten konfrontieren. Der re:publica gelingt das häufig mit Sessions aus unterschiedlichen digitalen Lebenswelten, die neue Münchner Konferenz DIRETTISSIMA – Untertitel: Transfer it! – will unter anderem mit einem Bergsteiger Konferenzklischees sprengen. Das ist gut so, mehr davon.

Mark Heywinkel

Journalist & Redaktionsleiter bei Vocer, ze.tt
Mark Heywinkel ist Redaktionsleiter des journalistischen Think-Tanks VOCER (vocer.org) und Redakteur bei ze.tt (www.ze.tt). Er hat 2015 den VOCER Innovation Day beim SPIEGEL in Hamburg sowie den Urban Journalism Salon in Berlin organisiert. Zurzeit arbeitet er mit dem Mediensalon (mediensalon.org) an einem Format, das sowohl Plattform fürs Networking als auch für einen gewinnbringenden

Veröffentlicht von

Mark Heywinkel

Mark Heywinkel ist Redaktionsleiter des journalistischen Think-Tanks VOCER (vocer.org) und Redakteur bei ze.tt (www.ze.tt). Er hat 2015 den VOCER Innovation Day beim SPIEGEL in Hamburg sowie den Urban Journalism Salon in Berlin organisiert. Zurzeit arbeitet er mit dem Mediensalon (mediensalon.org) an einem Format, das sowohl Plattform fürs Networking als auch für einen gewinnbringenden

2 thoughts on “Medienkonferenzen: Lasst euch mehr erschüttern! Gastbeitrag von Mark Heywinkel

  1. Ganz ehrlich: Verstehe den Beitrag nicht! Richtet sich dieser jetzt an Konferenz-Veranstalter, oder richtet er sich an Journalisten? Als Journalist ermüden mich die Medien-Konferenzen zunehmend, und bis auf wenige Ausnahmen (vocer) meide ich sie. Viel besser, und daher mein Rat: Komplett branchenfremde Veranstaltungen besuchen, Barcamps sowieso, von anderen lernen. Das geht nicht auf Medien-Konferenzen. Deshalb: Finger weg, straft die Veranstalter so lange mit Nichterscheinen, bis sie ihre Programme ändern. Angebot und Nachfrage, ihr wisst schon. 🙂

    1. Lieber Christian, vielen Dank für den Kommentar. Mir geht’s genau darum, dieser Müdigkeit, die ich ebenso spüre, mit konstruktiver Kritik zu begegnen. Bevor wir alle zu branchenfremden Events abwandern, wünsche ich mir, dass Veranstalter*innen von Medienevents ihr Programm ausweiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.