Kommentar zum Ende der CEBIT

Stell Dir vor, die CEBIT stirbt, und jeder weiß, warum …

Normalerweise werde ich nicht müde, zu verkünden, dass man in den Massenmedien viel zu wenig und viel zu selten über Messen als Kommunikationsformat lesen kann. Nun, mit der Verkündung des Tods der CEBIT hatte dieser Umstand ein jähes Ende.
Ich zählte nicht weniger als 15 Meldungen in nahezu allen großen Blättern. Gleich nachgeschoben, wurden Kommentare, Analysen und Kritiken von mehr oder mindern informierten Kennern der Szene. Und alle wussten plötzlich, woran es lag, und dass sie das ja schon immer gesagt haben.

Dem Lobo war das WLAN zu teuer, dem Kaminski das Unternehmertum zu wenig ausgeprägt. Und eine mir völlig unbekannte Dame vom Handelsblatt – deren Namen ich geflissentlich sogleich wieder vergessen habe – kündigte, wie es zu erwarten war, dann auch gleich das Ende der Messen als Ganzes an. Und so viele „Experten“ sich zum Ende der CEBIT auch verbreitet haben, eines eint sie alle: Sie liegen, zumindest teilweise, völlig falsch.
Denn der tatsächliche Grund für das Ende der CEBIT liegt im System „Messeindustrie Deutschland“ begründet. Was allerdings die strategische Überlegung hinter der Abschaffung der CEBIT nicht falsch macht. Warum?

Digitalisierung hat keinen Wert an sich!

Dies soll überhaupt keine Gegenrede zur Digitalisierung sein. Jedoch macht Digitalisierung ohne konkrete Anwendung – neudeutsch würde man wohl Cases sagen – wenig bis keinen Sinn. Vor allem nicht als „Ausstellungsstück“ auf der CEBIT. Die CEBIT war – anders als zum Beispiel die CES – keine Konsumentenmesse. Das wollte sie auch nicht wirklich sein. Die CEBIT war eine Industriemesse, auf der sich Profis von der Anbieter- und Bedarfsseite treffen. Dabei geht es nie, oder sagen wir kaum – auch auf vergleichbaren Messen anderer Branchen – um den grundsätzlichen, philosophischen Diskurs. Konkret geht es nicht um die weltumspannende, digitale Community und Ihre Weihen für die neue Gesellschaft. Es geht um Anwendungen.

CEBIT als Treibkraft des Internet of Things

Für die Industrie heißt Digitalisierung sehr stark „Internet of Things“ (IOT). Also im Wesentlichen den möglichst umfassenden Austausch von Daten unterschiedlicher „Maschinen“. Denn die sind hier mit „Things“ gemeint. Und genau hier zeigte sich in den zurückliegenden Jahren eine immer größer werdende Überlagerung mit einer anderen Veranstaltung, der Deutschen Messe AG, der „HANNOVER MESSE“. Übrigens wurde die CEBIT damals aus der HANNOVER MESSE ausgegründet, was auch damals bereits zu hitzigen Diskussionen geführt haben soll. Es ist also strategisch gar nicht so unsinnig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag, die CEBIT als alleingestelltes Format abzuschaffen und den Ausstellern eine andere Plattform zu bieten. Auch wenn – dass ist mir schon klar – dieser Weg aus Sicht der Messe nicht freiwillig eingeschlagen wurde.

Das fixe System Messeindustrie

Viel kritischer erscheint mir die Entwicklung der CEBIT aufgrund der Tatsache, dass wir ein in jeder Hinsicht sehr fixes System Messeindustrie Deutschland haben.

In der überwiegenden Mehrheit der Fälle ist bei großen Messeformaten, oder gar so genannten Weltleitmessen, die in Deutschland stattfinden, der Veranstalter und der Besitzer und Betreiber des Geländes, die gleiche – oftmals in öffentlicher Hand befindliche – juristische Person. Was nicht ausschließen soll, dass von besonders findigen Messegesellschaften nicht hier und da entsprechende Tochterunternehmen geführt werden. Und natürlich gibt es dazu Ausnahmen, wie zum Beispiel die IAA oder die FIBO.
Grundsätzlich jedoch gilt: Der Veranstalter der Messe ist gleich der Besitzer des Messegeländes. Und damit ist die Messeindustrie Deutschlands einzigartig in der Welt. In jedem anderen Land gibt es Unternehmen, die sich mit dem erfinden, organisieren und vermarkten von Veranstaltungen befassen, und solche, die Messe- und Ausstellungsgelände betreiben. Unbestreitbar hat das deutsche Modell erhebliche Vorteile. Aber auch mehrere Nachteile. Der wohl größte ist, dass Messegesellschaften Ihren Erfolg immer in „verkauften Quadratmeter“ und „Besucher“ messen. An dieser Stelle hat Herr Kaminski vollkommen recht. Nur, der Fehler liegt eben im System.

Das Ende der CEBIT

Selbst Herr Kaminski würde, wäre er in der Führung einer deutschen Messegesellschaft beschäftigt, den Schwerpunkt seines Wirkens in der Auslastung des Geländes sehen. Warum? Ganz einfach: Weil die Fläche da ist. Die Deutsche Messe AG verfügt nach eigenen Angaben über 26 Messehallen mit 496.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Wie toll findet es die Führung dieser weltgrößten Messe wohl, wenn neue, kreative, hippe Formate erdacht werden, die alle total klasse finden, die aber keine Auslastung ihrer teuren, vorhandenen Infrastruktur bringt? Für Messegesellschaften heißt Veranstaltung „Messe“ und Kunden „Aussteller“ und „Fläche“ bringt Kohle. Fehlt die Kohle am Jahresende, werden die Verluste auf kommunaler oder Landesebene sozialisiert. Und das wird im bestehenden System auch so bleiben. Änderungen würde nur eine konsequente Trennung von Veranstalter und Betreiber/Besitzer des Geländes bringen. Allerdings – das darf hier nicht unerwähnt bleiben – zeigt der kritische Blick ins Ausland, dass auch dieses Modell teils erhebliche Nachteile hat.

Was ist also die Lösung?

Es gibt keine. Zumindest keine Realistische. Diese läge wohl darin, die Messegelände zu privatisieren und damit den kreativen Wettbewerb zwischen privatwirtschaftlichen Unternehmen auf Veranstalter- und Betreiberseite zu fördern. Allerdings: Wer würde die Deutsche Messe AG kaufen? Wohl irgendwelche Finanzinvestoren mit horrenden Renditeerwartungen. Und das wäre dann besser?

Jan Kalbfleisch
FAMAB e.V.

Jan Kalbfleisch

Jan Kalbfleisch

Geschäftsführer bei FAMAB e.V.
Jan Kalbfleisch, Dipl. Wirtsch. Ing., arbeitete – bevor es ihn in die Live-Kommunikation zog – in der Medienbranche sowohl als Unternehmensberater als auch in der Geschäftsleitung von Medienhäusern. Als Geschäftsführer einer Eventagentur setzte er innovative Vortrags- und Weiterbildungsformate in die Tat um. Nebenberuflich dozierte er an der Hochschule der Medien in Stuttgart.
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Jan Kalbfleisch, Dipl. Wirtsch. Ing., arbeitete – bevor es ihn in die Live-Kommunikation zog – in der Medienbranche sowohl als Unternehmensberater als auch in der Geschäftsleitung von Medienhäusern. Als Geschäftsführer einer Eventagentur setzte er innovative Vortrags- und Weiterbildungsformate in die Tat um. Nebenberuflich dozierte er an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

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