Hallo, mein Name ist Nicole …

Wann immer ich eine Mail mit solch einer Einleitung erhalte, darf ich mir fast sicher sein, dass mir eine ebenso hübsche, wie real nicht existierende junge Dame wahlweise Ihre Liebe gestehen, eine Diamantenmine in Burkina Faso andrehen, Potenzmittel besorgen oder mir mitteilen möchte, dass ich der uneheliche Sohn und einzige legitime Erbe eines jüngst verstorbenen Stammeskönigs bin und sie mir zu meinem stattliche Erbe verhelfen will.

Manches Angebot klingt so schön, dass ich mich trotz besseren Wissens immer geneigt sehe, zu antworten: “Ja, Nicole … ich will den Rest meines Lebens als Stammeskönig mit Dir an meiner Seite zubringen. Bitte besorge vorher ausreichend Potenzmittel und Spitzhacken für unsere Diamantenmine“. Aber leider bleibt es Illusion.

Viel besser sind da die Mitarbeiter einer großen Live-Kommunikations-Agentur und FAMAB-Mitglieds dran. Denn die Projektleiter dieser Agentur bekommen immer wieder Nachrichten von einer realen Nicole. Nicole ist Personalverantwortliche einer anderen Agentur und bietet den emsigen Mitarbeitern ganz offen und frei von Interpretationsspielräumen Jobs an.
Coole Jobs. Mit Sinn und Perspektive. In einem Traumumfeld, in dem die persönliche Entwicklung des Einzelnen einen Schwerpunkt zu bilden scheint. Und um zu zeigen, dass das auch stimmt, werden die Angeschriebenen sogleich auf die agentureigene Karriereseite gelotst.

Bisher läuft es nicht so gut für Nicole. Zumindest nicht bei den Mitarbeitern dieser Agentur. Denn die sind größtenteils der Meinung, dass sie bei ihrem aktuellen Brötchengeber sehr gut aufgehoben sind. Und die loyalsten unter ihnen senden, des Spaßes wegen, die Nachrichten von Nicole sogar direkt an den Chef weiter.

Tja, was soll man nun von Nicole und ihren etwas bemühten Versuchen, Brieffreundschaften zu gründen, halten. Verboten ist das wohl nicht. Somit auch kaum justiziabel. Mal ganz von der mangelnden Souveränität abgesehen, von der ein solcher Versuch zeugen könnte. In Zeiten der DSGVO könnte man sicher auch fragen, inwieweit Nicole einfach so ihr gänzlich unbekannte Menschen dergestalt behelligen darf. Aber, die DSGVO ist an sich ziemlich uncool und jeder, der damit zu seinen Gunsten argumentiert, sollte mit mindestens vier Staffeln „Friends“ bestraft werden.

Man muss wohl konstatieren, dass aufgrund des akuten Mangels die Bandagen auf dem Personalmarkt spürbar härter werden. Und sicher sind auch unter den Lesern viele entweder Schreiber oder Leser ähnlicher Mails.

Gute Mitarbeiter sind wie Fische im Teich – ihre Anzahl ist begrenzt

Ich bin mir ziemlich sicher, dass gegenseitiges Abwerben langfristig nicht zum Erfolg führen wird. In aller Regel fördert es nur Söldnertum und kreiert „Wanderhuren“, die für einen Schekel mehr alles stehen und liegen lassen. Allerdings: Eine schnelle und einfache Lösung habe ich auch nicht für vom Personalmangel geplagte Arbeitgeber unserer Branche. Hier kann aber nur der gemeinsame, branchenweite Ansatz gelingen. Wir müssen gemeinsam Menschen „von außen“ für unsere Branchen interessieren. Durch gegenseitiges Abwerben bleibt die Anzahl der Fische ja gleich. Nur die Teiche werden andere.

So unvermeidlich solche Abwerbeversuche sein mögen, es scheint eine erfolgreiche Strategie dagegen zu geben: zufriedene und loyale Mitarbeiter.

Oder wie sehen Sie das?

PS: Sorry Nicole…

Jan Kalbfleisch

Jan Kalbfleisch

Geschäftsführer bei FAMAB e.V.
Jan Kalbfleisch, Dipl. Wirtsch. Ing., arbeitete – bevor es ihn in die Live-Kommunikation zog – in der Medienbranche sowohl als Unternehmensberater als auch in der Geschäftsleitung von Medienhäusern. Als Geschäftsführer einer Eventagentur setzte er innovative Vortrags- und Weiterbildungsformate in die Tat um. Nebenberuflich dozierte er an der Hochschule der Medien in Stuttgart.
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Jan Kalbfleisch

Jan Kalbfleisch, Dipl. Wirtsch. Ing., arbeitete – bevor es ihn in die Live-Kommunikation zog – in der Medienbranche sowohl als Unternehmensberater als auch in der Geschäftsleitung von Medienhäusern. Als Geschäftsführer einer Eventagentur setzte er innovative Vortrags- und Weiterbildungsformate in die Tat um. Nebenberuflich dozierte er an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

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