Game of Thrones und die Faszination amerikanischer TV-Serien Der szenische Raum gewinnt an Bedeutung

Es ist soweit: Seit Ende Januar 2016 laufen die bereits veröffentlichen Staffeln 1 bis 4 der Erfolgsserie „Game of Thrones“ – und ab Februar 2016 auch Staffel 5 – als Free-TV-Premiere. Jeden Sonntag werden Zuschauerscharen die neuesten hinterlistigen Intrigen, blutigen Kämpfe und Morde in „Game of Thrones“ ansehen. Die Frage hierbei ist: Wie schaffen es die amerikanischen Film-Produzenten, dass riesige Zuschauergemeinden ganze Nächte vor den Bildschirmen verbringen, um die Macht- und Thronfolgekämpfe in „Game of Thrones“ zu verfolgen? 

Christian Flörs: Der diplomierte Innenarchitekt, Szenograf, Film- und Fernsehszenenbildner unterrichtet als Dozent an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität München und an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF).
Christian Flörs: Der diplomierte Innenarchitekt, Szenograf, Film- und Fernsehszenenbildner unterrichtet als Dozent an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität München und an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF).

Faszination von „Game of Thrones“

Welche Faszination zieht uns magisch an die TV-Geräte, um in der inzwischen fünften Staffel den Kampf um Leben und Tod zwischen einer Handvoll Überlebender gegen Zombies in „The Walking Dead“ zu verfolgen? Als weitere äußerst erfolgreiche und ausstattungsgewaltige Serien der vergangenen Jahre sind „Breaking Bad“, „Penny Dreadful“, „Mad Men“, „Homeland“, „True Detectives“ und „House of Cards“ zu nennen.
Was ist also das Geheimnis all dieser TV-Serien? Und warum sind sie inzwischen erfolgreicher als Kinofilme? Ganz klar ist der szenografische Ansatz, der uns, beispielsweise bei temporären Auftritten wie Messen, ein Unternehmen ganzheitlich, nachhaltig und emotional erleben lässt, ist nun auch in der Welt der TV-Serien angekommen.

Neue Erzählformen

Ein Erfolgsgeheimnis ist sicherlich die neue Art des Erzählens. Waren es früher einzelne Folgen, die in 45 Minuten eine Geschichte zu Ende erzählten, wird heute eine komplexe Handlung über mehrere Episoden und sogar ganze Staffeln aufgebaut.

Die Drehbuchautoren haben somit die Möglichkeit, einen Charakter in aller Tiefe zu beschreiben und sogar eine Wesensänderung über mehrere Staffeln einzubauen. Der Zuschauer wird automatisch näher an die Figuren und ihre Gefühle, die sie antreiben, gebracht.

Die Identifikation mit den Charakteren und ihren Motiven zieht den Zuschauer unweigerlich tiefer ins Geschehen. Mehrere parallel verlaufende Handlungsstränge werden gekonnt miteinander verknüpft, um eine homogene Geschichte zu erzählen.

War es früher bei Serien wie „Dallas“ noch kein Problem, irgendwann in der Mitte einer Staffel einzusteigen, um dem Geschehen zu folgen, ist dies bei den jetzigen komplexen Handlungen nicht mehr möglich. Zusammenhänge und die Intention, die Darsteller antreibt und bewegt, werden aufwendig aufgebaut. Verpasst der Zuschauer nur eine Folge, fehlen ihm wichtige Inhalte und Ereignisse, um emotional an die Figur gebunden zu werden und der Handlung folgen zu können.

Mit der emotionalen Bindung an die Charaktere geht auch ein profitabler Umsatz für die Produzenten einher, denn nicht ohne Grund biegen sich in diversen Geschäften die Regale mit den Staffeln dieser Serien und zusätzlichem Fanmaterial. Oder der Zuschauer lädt sich die Folgen per Video-on-Demand bequem von Zuhause aus auf seine Festplatte. Auch hier werden Rekorde gebrochen.

Neuartig ist auch die Art und Weise wie Sex und Gewalt gezeigt werden. Schonungslos wird in allen Details gezeigt, wie die Überlebenden im Zombie-Epos „The Walking Dead“ die Untoten zerstückeln. Auch die Überlebenskämpfe gegen Plünderer und die Gewaltbereitschaft, die in einem jedem von uns steckt, wenn es ums nackte Überleben geht, wird hier effektvoll und emotional sehr aufwendig in die Handlung eingebunden. Und wenn der männliche Thronfolger in „Game of Thrones“ lieber sein Bett mit dem Knappen teilt und nicht mit der arrangierten Ehegattin, dann nicht um der Fleischeslust der Zuschauer zu frönen, sondern um die innere Zerrissenheit der Charaktere und die Motive ihre Taten eindrucksvoll zu unterstreichen.


Der Khaleesi Tower, ein Hochhaus im Stil von Game of Thrones. Das Bauwerk soll 102 Stockwerke hoch sein und sich durch viele Spiegel- als auch Bronze-Elemente auszeichnen. Im 62. Stock schmückt das geplante Wahrzeichen eine tempelartige Lobby vorzufinden.

Einzigartiger Aufbau der Handlungsorte

Imponierend ist auch der Aufbau der Handlungsorte. Waren es früher drittklassige Kulissen in TV-Studios, wo der erste Blick genügte, um die kühle Künstlichkeit dieser Welten zu sehen, ist es Dank der Digitaltechnik und großzügigen Budgets möglich, fantastische, aber realistisch ausgearbeitete, Orte zu erschaffen. Aufwendige und detailliert inszenierte Spielorte müssen den Vergleich mit großen Hollywood-Kinofilmen nicht mehr scheuen. Hier wird erstaunlich viel Wert und szenenbildnerische Kompetenz auf die intensive Gestaltung der Handlungsräume, wie auch auf die Kostüme und die Maske, gelegt. Dieser professionelle Auftritt der Produktionen überzeugt die Zuschauer.

 

In „Game of Thrones“ ist beispielsweise die große Bedeutung des Raumes erkennbar. Die erfolgreiche US-amerikanische TV-Fantasy-Serie „Game of Thrones“ von David Benioff und D. B. Weiss basiert auf den Romanen „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin. Die Handlung spielt in einer fiktiven Welt und Landschaft – George R.R. Martin hatte beim Verfassen der Romane jedoch nie im Hinterkopf, dass das Buch auch als Vorlage für eine Verfilmung dienen sollte. Aus diesem Grund sind sowohl Schauplätze als auch Kostüme und Charaktere in den Romanen überdimensional, fantastisch und in keiner Weise realistisch beschrieben. Diese Tatsache stellte sowohl die Produzenten als auch die Designer der Serie vor gewaltige Herausforderungen, denn es galt, bezüglich Locations und Requisiten möglichst nah an die Romanvorlage zu gelangen. In 2010 begannen die Dreharbeiten für die erste Staffel.

Als Hauptdrehorte dieser Staffel wurden Belfast, Nordirland und Malta gewählt. Außerdem wurde in Marokko, beispielsweise in Marrakesch und Ouarzazate, gedreht. Szenen im Freien wurden in Nordirland bei Sandy Brae in den Mourne Mountains, Castle Ward (Winterfell), Saintfield Estates (Winterfell), Tollymore Forest, Cairncastle, Magheramorne (Schwarze Festung) und Shane’s Castle eingefangen. Auch auf Doune Castle in Stirling, Schottland, wurden Szenen für Winterfell gefilmt.

Der Opener der Serie kündigt bereits durch den Flug über die imaginären Länder und verschiedenen Städte den örtlichen Rahmen der Geschichte an. Der modellhafte Aufbau der Städte und der Landkarte könnte fast ein Entwurfsdetail oder eine Übersicht der Production Designer, Gemma Jackson und Deborah Riley, sein. Die Bauwerke und deren Anordnung verraten ebenfalls schon die Haltung und Gesinnung der Herrscher und Bewohner. Selbst der sich daraus ergebene Konflikt ist in dieser räumlichen Darstellung bereits erkennbar. Die Vielschichtigkeit der Bauwerke und Orte lässt auch die vielschichtigen Handlungen erahnen. Es ist verblüffend, wie bereits in den ersten 1,5 Minuten durch das Überfliegen der Drehorte ein wesentlicher und beständiger Teil der Geschichte mithilfe des Raumes mitgeteilt wird. Hier wird von Anfang an klar, was der Raum für die TV-Serie für eine Bedeutung haben wird: Königsmund, Drachenstein, Winterfell und Sturmkap sind wichtige Handlungsorte. Und schon die Namen verraten uns den szenografischen Anspruch und welche Atmosphäre hier transportiert werden soll. Düstere, dunkle Bauten deuten auf einen Herrscher hin, der nicht zum Wohl des Volkes regiert. Die Macher der Serie gaben dem Raum außergewöhnlich viel Bedeutung, um verschiedene Stimmungen und Atmosphären zu schaffen. Dabei geht es vom heißen Wüstenkontinent über zu den immergrünen Gefilden bis zum arktischen Norden, in dem Schnee und Eis die eindrucksvollen Kulissen bilden.

Durch die baulichen Details sind ebenso die seelischen Stimmungen der Bevölkerung zu erahnen. Stinkende schlammige Gassen im Szenenbild zeigen dem Zuschauer beispielsweise sofort, welches herrschaftliche Schicksal hier von den einfachen Leuten ertragen werden muss. War es früher ein Attribut großer Hollywood-Studios, den Zuschauer mit fantastisch gestalteten Welten zu begeistern, läuten jetzt die neuen TV-Serien ein szenenbildnerisch neues Zeitalter ein. Vorbei sind die Zeiten, in denen billige Studio-Produktionen mit laienhaften Schauspielern uns vor den Fernseher lockten. Die junge Generation ist anspruchsvoller und möchte Serien nicht nur sehen, sondern erleben, spüren und emotional mitfiebern.

Und hier treffen die Macher aus den USA voll ins Schwarze. Aufwendig erzählen sie mit überzeugenden Schauspielern und Charakteren die fantastischsten Geschichten, in denen selbst Räume und Umgebungen fast die Rolle von Hauptdarstellern einnehmen. Hier tragen eindrucksvolle, raffinierte und emotionale Sets zum großen Erfolg bei. Mit aufwendigen räumlichen bzw. baulichen Mitteln werden Stimmungen, Emotionen und Eindrücke an den Zuschauer vermittelt, um diesen tiefer ins Geschehen miteinzubeziehen und zu fesseln. Deborah Riley, Production Designerin der Serie „Game of Thrones“, erklärt in einem Interview, dass sie, ausgehend vom zugrunde liegenden Text, ihre Aufgabe darin sieht, Welten zu kreieren, an die die Zuschauer wirklich glauben können. In dem langen Entstehungsprozess, der Bau, Farbe, Dekoration usw. einer Kulisse beinhaltet, schafft sie mit ihrem Team Umgebungen, die in der Welt von „Game of Thrones“ komplett real sind. Besonders betont sie die Tatsache, dass bei „Game of Thrones“ sogar 360-Grad Film-Sets geschaffen werden. Dass das Design der Orte in „Game of Thrones“ mit den dort lebenden Charakteren korrespondiert, erläutert sie am Beispiel des exotischen „Dorne“, das in der Welt von „Game of Thrones“ in der wärmsten Klimazone liegt. Die Stadt wird als energetisch und farbig – in gelb, orange und blau – beschrieben. So begründet Deborah Riley auch warum bei der Suche nach dem Drehort „Dorne“ die Wahl auf den bis in die maurische Zeit zurückreichenden Alcázar von Sevillas fiel. Die Wärme und Energie Sevillas und die Exotik des Alcázar passten perfekt zu „Dorne“ und spiegeln auch die dort herrschenden Charaktere wider.

Der szenische Raum, in dem sich die dramatische Kunst des Schauspiels für die Kamera ereignet, muss immer unter der besonderen Beachtung der sinnlichen Wirksamkeit der Szene gestaltet werden. Die zeichenhafte Sprache der Elemente des Raumes, des Lichts, der Farben und Patina, der Gegenstände und Objekte im Bild gibt dem Film- bzw. Fernsehwerk seine visuelle Sprache. Dieser szenografische Ansatz ist mittlerweile auch in der Fernseh- und Serienwelt angekommen, kann aber auch auf andere Bereiche wie beispielsweise Themen- und Markenwelten übertragen werden. Bei temporären Auftritten wie Messen kann ein Unternehmen ganzheitlich, nachhaltig und emotional erlebbar werden.

Die Zeichensprache, die ganz klar ohne geschriebenes oder gesprochenes Wort auskommt und einfach nur das Bild erzählen lässt, ist ein großes Thema bei der Gestaltung von Messe- und Markenräumen, die eine Aussage haben müssen – inhaltlich wie „imagetechnisch“. Jede Sache, die man sieht ist ein Zeichen für etwas. Daher werden heutzutage auch Messestände mit einem höheren gestalterischen Aufwand Bezug nehmen auf Storytelling oder gebaute bzw. erlebbare Unternehmensphilosophie konzipiert.

Dieser konzeptionelle Anspruch funktioniert sowohl bei Unternehmensauftritten als auch in im TV-Bereich und garantiert den Machern durchschlagenden Erfolg.

Text: Christian Flörs/Dietmar Garreis/Martina List

Christian Flörs

Kreativdirektor für dreidimensionale Markenkommunikation bei BRUNS Messe- und Ausstellungsgestaltung GmbH
Christian Flörs ist Dozent an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität München und an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF). Eines seiner Projekte ist die Plattform für Raum-/Markeninszenierung szenografie.de, auf welcher Christian Flörs Informationen über Ausbildung, Veranstaltungen sowie in Blogartikeln Hinweise und Gedanken zu weltweiten Projekten rund um das Thema Raumwelten und Rauminszenierung veröffentlicht.
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Christian Flörs

Christian Flörs ist Dozent an der Fakultät für Architektur der Technischen Universität München und an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF). Eines seiner Projekte ist die Plattform für Raum-/Markeninszenierung szenografie.de, auf welcher Christian Flörs Informationen über Ausbildung, Veranstaltungen sowie in Blogartikeln Hinweise und Gedanken zu weltweiten Projekten rund um das Thema Raumwelten und Rauminszenierung veröffentlicht.

One thought on “Game of Thrones und die Faszination amerikanischer TV-Serien Der szenische Raum gewinnt an Bedeutung

  1. Interessante Analyse, muss auch gestehen, dass ich von Game of Thrones gefesselt wurde, aber man kann sich einfach nicht enthalten, wenn man in eine so abwechslungsreiche Welt auftritt.
    LG
    Meik

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