Durch das wilde Kasachstan Der FAMAB-Trip zur EXPO 2017

Kasachstan als ein Land voller Gegensätze zu bezeichnen, wäre einerseits ein schrecklicher Allgemeinplatz, andererseits eine kolossale Untertreibung und drittens absolut wahr. Keine 20 Mio. Menschen „tummeln“ sich auf einer Fläche, die viermal größer ist als unser Deutschland. Der größte Teil besteht aus schier unendlichen Steppen, durch die das nomadische Volk zu früheren Zeiten mit seinen Tierherden zog. Im Sommer lasten brütende 40 Grad auf Mensch und Tier. Im Winter peitschen eisige Winde aus Sibirien über die ehemalige Sowjetrepublik und das Thermometer auf lebensfeindliche -40 Grad.

Ich weiß, was Sie jetzt denken: Da müsste man ganz dringend mal eine EXPO machen. Gut, dass andere bereits Jahre vor Ihnen auf diese Idee kamen. Und so begab es sich, dass die „kleine“ EXPO im Jahr 2017 eben genau dort – genauer gesagt in der Hauptstadt Astana – stattfindet.

Zu Gast auf einer Weltausstellung

Der Gedanke der EXPOs, ehemals Weltausstellungen, ist wunderschön und bis heute aktuell. Vielleicht sogar aktueller denn je. Die ganze Welt solle zu Gast sein in einem Land. Im Rahmen von Ausstellungen, im EXPO-Sprech „Pavillons“ genannt, präsentieren sich die Länder den Besuchern. In den zurückliegenden Jahren stets unter einem thematischen Fokus. Konzentrierte man sich in Mailand noch auf die Ernährung der Weltbevölkerung, waren in Kasachstan mit „Energy on Track“ neue und nachhaltige Energiekonzepte gefragt.

Hier lässt sich durchaus bereits eine erste, kleine Kritik anbringen. So unbestritten wichtig das Thema auch ist, es lädt förmlich ein zu Pathos, Schönfärberei und Überzeichnung. Und so manche Darstellung hatte einen großen Schluck aus dieser Pulle genommen. Allerdings gehört auch das einfach dazu.

Die „SPHERE“ – mit fortschrittlicher Photovoltaic-Technologie

 

Ein echtes Highlight in jeder Hinsicht ist die zentrale SPHERE. Dem imperialen Todestern aus Star Wars zum Verwechseln ähnlich, beherbergt der futuristische Bau zahlreiche sehr schön gemachte Ausstellungen zu unterschiedlichen Bereichen der Energiegewinnung. Doch selbst ohne Ausstellungen wäre die Sphere schon alleine aufgrund ihrer spektakulären Architektur sehenswert. Die Teilnehmer der FAMAB-Studienreise hatten das große Glück, von Mitarbeitern von Neumann&Müller, die für die technische Realisierung einiger Ausstellungen verantwortlich waren, sowie von Nüssli (Deutschland), welche einige Pavillons vom Aufbau bis hin zur Organisation betreut haben, entsprechende Insights-Führungen zu bekommen. Angesichts der unglaublichen Schwierigkeiten während des Baus gleicht es fast einem Wunder, dass wieder einmal fast alles fast pünktlich fertig war.

Must see: Der Deutsche Pavillon

Ein weiteres „Must see“ ist ohne Frage der Deutsche Pavillon. Aufgrund der Tatsache, dass Konzeption, Architektur und Ausführung von den FAMAB-Mitgliedern insglückgtp 2 und mac kommen, darf ich mir vorsorglich jede Neutralität absprechen. Der Pavillon setzt in allen Bereichen sicher den Maßstab auf dieser EXPO. Schöne, klare Architektur, eine inhaltlich und szenografisch bestens aufbereitete interaktive Ausstellung und höchste Qualität bei der technischen Ausführung, machen den Pavillon für Laien und Experten zum Erlebnis. Einzig die schiere Fülle der Inhalte passt nicht zu der unterschwellig vorgegeben Taktung des Besucherstroms. So fühlte man sich stets etwas „getrieben“.

Ein völlig anderes Konzept verfolgte Österreich. Ein bunter und lauter Abenteuerspielplatz. Architektur war faktisch nicht vorhanden. Stattdessen eine doppelstöckige Konstruktion aus Gitterrohr, auf dem viele kleine „Spielchen“ rund um Energie ausprobiert werden konnten. Gefehlt hat nur noch ein Bällebad und regelmäßige Durchsagen, dass Jerome-Noel dringend eine neue Windel braucht. Aber nochmal: Es hat funktioniert und das gut.

Der deutsche Pavillon auf der EXPO 2017
Der Deutsche Pavillon auf der EXPO 2017

Auch die Schweiz präsentierte sich gelungen. Hier fanden die informativen Teile in „Schweizer“ Holzhütten statt. Präsentiert – und das war das Charmante – wurde von internationalen jungen volontierenden Damen und Herren. Dass die Inhalte dabei stark ins Platte tendieren, ist klar. Aber es muss auch nicht immer die dritte newtonsche Iteration sein. Es war nett und sehr charmant und damit gut.

Leicht verwirrt lässt hingegen China seine Besucher zurück. Baulich völlig zurückgenommen, konzentriert sich die gesamte Ausstellung auf einen ebenso aufwendig wie verwirrend gemachten 3D-Film. Nur mal grob: Eine – unglaublich sexy – Steinzeitfrau (!) stirbt. Ihre Tochter sammelt gemeinsam mit einem brennenden Phönix verschiedene Energien, um die Mutter wieder zum Leben zu erwecken. Alles klar?

Eine tolle Arbeit hat auch England geleistet. Natürlich kann man die Frage stellen, weswegen sich England in Kasachstan mit einer futuristischen kasachischen Jurte präsentiert. Aber es ist toll gemacht. Was davor und danach kommt, ist leider eher dünn, aber sehenswert allemal.

Das wilde Kasachstan - gar nicht mal so wild
Das wilde Kasachstan – gar nicht mal so wild

Beeindruckend war auch Monaco. Eine unglaublich schöne Gestaltung mit einer sich wellenartig bewegenden Phalanx aus verspiegelten Balken, kombiniert mit einem eigens kreierten EXPO-Duft und sphärischer Musik. Inhaltlich liegt das Ganze ziemlich weit neben dem eigentlichen Thema, allerdings einfach schön.

Amerika: Wesentlicher Treiber nachhaltiger Energiepolitik?

Die USA enttäuschte auf ganzer Linie. Schon das Film- und Foto-Verbot ist albern. Da ist es fast eine Erleichterung, dass der gezeigte Film auch nicht eines Fotos würdig ist. Eine krude Mischung aus „Du kannst alles schaffen, wenn Du nur willst (und weißer, gutaussehender Amerikaner bist)“ und „Hey, sollen wir mal unsere Namen tanzen?“. Nach der eigenen Darstellung sind die USA seit jeher wesentlicher Treiber einer neuen, nachhaltigen Energiepolitik. Aha…

Eine besondere Anerkennung verdient ganz sicher Russland. Im Rahmen einer EXPO zum Thema „neue Energien“ ferngesteuerte Modelle von atomgetriebenen Eisbrechern, die den Weg für Öltanker freiräumen, in einem nachempfundenen Polarmeer umherziehen zu lassen, ist genau mein Humor. Andererseits stellt sich so ein „naja, zumindest ehrlich“-Gefühl ein.

Mal ganz abseits der inhaltlichen und baulichen Qualität ist es einfach hoch spannend zu sehen, wie sich die einzelnen Länder dem gestellten Thema nähern. Kurzum: Die EXPO 2017 ist überaus sehenswert und in Kasachstan absolut am richtigen Ort. Ich mag einfach die Idee, dass sich viele Menschen aus den Ländern dieser Welt in einem gastgebenden Land treffen und sich einander und vor allem den Menschen des Gastgebers vorstellen.
Für mich ist das gelebte Völkerverständigung.

Jan Kalbfleisch

Jan Kalbfleisch

Geschäftsführer bei FAMAB e.V.
Jan Kalbfleisch, Dipl. Wirtsch. Ing., arbeitete – bevor es ihn in die Live-Kommunikation zog – in der Medienbranche sowohl als Unternehmensberater als auch in der Geschäftsleitung von Medienhäusern. Als Geschäftsführer einer Eventagentur setzte er innovative Vortrags- und Weiterbildungsformate in die Tat um. Nebenberuflich dozierte er an der Hochschule der Medien in Stuttgart.
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Jan Kalbfleisch

Jan Kalbfleisch, Dipl. Wirtsch. Ing., arbeitete – bevor es ihn in die Live-Kommunikation zog – in der Medienbranche sowohl als Unternehmensberater als auch in der Geschäftsleitung von Medienhäusern. Als Geschäftsführer einer Eventagentur setzte er innovative Vortrags- und Weiterbildungsformate in die Tat um. Nebenberuflich dozierte er an der Hochschule der Medien in Stuttgart.

Ein Gedanke zu „Durch das wilde Kasachstan Der FAMAB-Trip zur EXPO 2017

  1. Hallo Herr Kalbfleisch,

    habe Ihren Block mit einem großen Schmunzeln gelesen. Hatte auch das Glück, mir die EXPO allumfassend anzusehen und bin, trotz einiger, jedoch bei jeder EXPO, üblicher „Fragezeichen“, mit einem einen guten/positiven Eindruck nach Hause gefahren. Wie immer, gibt es einige wenige Länder, die sich ohne Umwege am gegebenen Thema abarbeiten und andere – die meisten aus meiner Sicht -, die die Veranstaltung etwas „gelassener“ sehen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Natalja Winges

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