Digitale Transformation: Interview mit Tim Cole Veränderungen beginnen im Kopf

Digitale Transformation oder Veränderungen im Allgemeinen sind nicht leicht und einfach durchzuführen. Unternehmen können zwar den Kopf in den Sand stecken und auf eine magische Rückkehr in die „gute alte Zeit“ hoffen, aber so werden viele Firmen nicht überleben. Ich sprach mit Tim Cole, Autor des Buchs Digitale Transformation, über Wege, Auswege und Chancen.

Tim Cole stellt sein Buch Digitale Transformation im Presseclub München vor. Foto by Pia Kleine Wieskamp
Tim Cole, Autor des Buches „Digitale Transformation“

Digitale Transformation: Wege und Chancen

Nach der Rezension und dem FAMAB-Lesetipp des Buches „Digitale Transformation” habe ich Tim Cole noch einige Fragen zum Thema digitale Transformation gestellt:

Link zum Lesetipp
Hier geht es zur Buchbesprechung von Tim Coles „Digitale Transformation”.

Kleine Wieskamp: Tim, in deinem Buch „Digitale Transformation“ beschreibst du, dass die deutsche Wirtschaft die digitale Zukunft verschläft. Wo siehst du die Gründe für diese Entwicklung bzw. diese Nicht-Entwicklung?

Cole: Es ist eine Kombination aus „German Angst“ und eine gefährliche Selbstzufriedenheit: „Was wollt ihr? Deutschland ist doch erfolgreich. Also bloß nix ändern.“

Diese Leute verkennen, dass im Digitalzeitalter die Dinge viel schneller ablaufen, und dass die Gefahr für ihr Unternehmen und Geschäftsmodell meistens aus einer völlig unerwarteten Richtung kommt. Siehe Taxifahrer und Uber oder Beherbergungsunternehmen und Airbnb. Und das mit der Digitalen Disruption wird immer schlimmer werden, bis am Ende niemand mehr davon verschont bleibt. Besser, man würde sich heute schon damit auseinandersetzen, denn sonst ist es vielleicht zu spät.

Tim Cole zur Digitalen Transformation: Firmen sind heute Netzwerke – oder sie sollten es sein. Klick um zu Tweeten

Kleine Wieskamp: Oft stinkt der Fisch bekanntlich ja vom Kopf her.

Cole: Top und Down sind Begriffe aus der alten analogen Welt. Firmen sind heute Netzwerke – oder sie sollten es sein. Da ist der Chef auch nur ein Knoten im Netz – vielleicht ein besonders großer Knoten mit besonders vielen Verbindungen. Aber in dieser Welt ist jeder gefordert, seinen Beitrag zu leisten und Teil eines Teams zu sein. Wer immer nur auf Befehle von oben wartet, wartet oft vergeblich.

Kleine Wieskamp: Tim, du findest, dass ein selbstständig denkender und arbeitender Mitarbeiter den engen Korsettstrukturen entwächst und Home-Office bzw. Co-Working-Spaces zukünftig mehr und mehr nutzen wird. Ist unsere soziale Struktur denn auf diese Veränderungen ausgerichtet?

Cole: Das größte Problem sind nicht die Räume, sondern die Chefs. Laut Bitkom-Studie 2015 lehnen zwei Drittel aller deutschen Arbeitgeber Home-Office ab (Bitkom Charts zur Digitalisierung der Arbeitswelt als PDF): Sie verlangen von Ihren (Wissens-)Arbeitern Präsenzpflicht. Daraus spricht für mich erstens ein tiefes Misstrauen gegenüber den eigenen Leuten („Wenn ich den nicht im Auge hab, schafft der nix!“) und zweitens die Unfähigkeit, ergebnisorientiert zu führen. Wenn jeder im Team mit im Boot ist, also genau verstanden hat, was bis wann zu tun ist, dann könnte sich ein guter Chef beruhigt zurücklehnen und auf die Selbstorganisation seines Teams vertrauen.

Tim Cole betont: 'Das Wichtigste an einer Messe ist der Kaffee, den ich mit dem Gegenüber trinke.' Klick um zu Tweeten

Kleine Wieskamp: Gerade im Bereich Veranstaltungen (Messen, Konferenzen etc.) stellen Umfragen immer mehr fest, dass ein Face-to-Face-Austausch (F2F) erwünscht ist. Und das natürlich auch in der Arbeitswelt. Sind wir Deutsche da „ungewöhnlich“? 

Cole: F2F ist ganz, ganz wichtig. Aber nur für bestimmte Dinge. Brainstorming funktioniert nach meiner Erfahrung besser, wenn ich mit anderen zusammensitze und man sich gegenseitig inspiriert und anstachelt. Und das Wichtigste an einer Messe ist der Kaffee, den ich mit dem Gegenüber trinke. Aber wenn ich konzentriert arbeiten muss, dann will ich mir selbst Zeit und Ort aussuchen können – denn jeder Mensch arbeitet anders, und jeder hat eine biologische Uhr, die anders tickt. Warum darf ich nicht von 22 Uhr bis 3 Uhr früh arbeiten und dafür morgens ausschlafen? Hauptsache, die Arbeit wird fertig!

Kleine Wieskamp: Meiner Beobachtung nach tut sich gerade der Mittelstand mit der Digitalen Transformation schwer. Was rätst du nun einer Firma mit ca. 10-100 Mitarbeitern, um die Entwicklung nicht zu verschlafen?

Cole: Die Leute mitnehmen! Es kommt nicht auf die Größe des Teams an, sondern darauf, wie man zusammenarbeitet und wie man führt. Offenes, team- und ergebnisorientiertes Arbeiten funktioniert in jedem Unternehmen, auch beim kleinen Handwerksbetrieb.

Kleine Wieskamp: Nun eine provokante Frage: Ist deiner Meinung nach unser Bildungssystem zukunftsorientiert, also digital, aufgestellt?

Cole: Überhaupt nicht. Wir stecken noch in der Kaiserzeit mit unseren Bildungseinrichtungen und unseren Lehrplänen. Das gilt gleichermaßen für die eher akademischen Institutionen, wie Gymnasium oder Hochschule, aber auch bei dem vielgerühmten deutschen „Dualen System“, der berufsbegleitenden Ausbildung. Ich kann heute noch eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann machen, ohne je einmal etwas von E-Commerce gehört zu haben. Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) fordert deshalb ganz aktuell: „Eine Diskriminierung von Online- und Versandhändlern, die ohne Ladengeschäft Kaufleute im Einzelhandel nicht ausbilden dürfen, entspricht nicht mehr dem Einkaufsverhalten des Endkunden.“

Kleine Wieskamp: Tim, in deinem Buch sprichst du einen weiteren Machtwechsel an: den des Kunden. Hierbei bestimmt, laut deiner Aussage, immer mehr „richtige Kommunikation auf Augenhöhe” das Kaufverhalten des Kunden. Wie sieht diese aus?

Cole: Die Zeiten sind vorbei, als die Anbieter die Herrschaft über die Botschaften hatten. Heute bestimmen die Kunden, wann, wo und worüber sie reden wollen. Der Anbieter muss alles daran setzen, als Gesprächspartner akzeptiert zu werden – denn sonst reden die Kunden über ihn, ohne dass er mitreden darf.

Als allererstes muss er lernen, zuzuhören, und das fällt den meisten furchtbar schwer. Dann muss er versuchen, über Zeit ein Vertrauensverhältnis zum Kunden aufzubauen. Dazu ist es nötig, in Vorlage zu gehen, indem ich von mir aus für den Kunden nützliche Tipps und Informationen anbiete und auf seine Probleme eingehe. Dann habe ich vielleicht die Chance, so langsam aber sicher als ernstzunehmender Dialogpartner wahrgenommen zu werden.

Kleine Wieskamp: Doch gerade Ausnahmen wie Apple zeigen, dass Umsatz und Kaufverhalten auch anders zu erzielen sind?

Cole: Apple macht alles über die Marke, und das geht eine Zeit lang gut. Ich denke aber, dass Apple früher oder später riesige Probleme mit seiner Geheimhaltung und seiner Unfähigkeit, einen Dialog mit Kunden zu führen, bekommen wird.

Steve Jobs hatte Rockstarstatus, seine Nachfolger sind langweilige Technokraten.- Tim Cole Klick um zu Tweeten

Auf Dauer ist das nicht genug.

Kleine Wieskamp: Tim, wenn du ein Manifest der Digitalen Transformation aufstellen würdest, wie würden die fünf wichtigsten Punkte lauten?

Cole:

  1. Transparenz leben!
  2. Zuhören!
  3. Wissen um die Kunden sammeln!
  4. Schnell sein!
  5. Authentisch sein!

Kleine Wieskamp: Tim, merci für das Gespräch.

Pia Kleine Wieskamp

Kommunikationsexpertin bei POINT-PR
Pia Kleine Wieskamp arbeitet als selbstständige Kommunikationsexpertin, Trainerin und Beraterin in den Bereichen Storytelling (story-baukasten.de), Kommunikation und Marketing bei POINT-PR. Zudem ist sie als Bloggerin unterwegs.

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Pia Kleine Wieskamp

Pia Kleine Wieskamp arbeitet als selbstständige Kommunikationsexpertin, Trainerin und Beraterin in den Bereichen Storytelling (story-baukasten.de), Kommunikation und Marketing bei POINT-PR. Zudem ist sie als Bloggerin unterwegs.

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