Blog-Reihe Raumwelten: Pop-Up Spaces Gastbeitrag von Dr. Petra Kiedaisch

Seit letztem Jahr kooperieren Raumwelten – Plattform für Szenografie, Architektur und Medien und der FAMAB Award. Diese Zusammenarbeit wird auch dieses Jahr in Ludwigsburg beim Raumwelten Kongress (17.-19.11.) und der FAMAB AWARD Verleihung (17.11.) fortgeführt. Besucher profitieren vom gemeinsamen Kombiticket, das Sie unter famab.de direkt buchen können. Raumwelten greift in den Panels und Präsentationen Themen und Fragen auf, die auch FAMAB-Mitglieder umtreiben: In einer achtteiligen Reihe werden wir Ihnen hier in den kommenden drei Monaten die diesjährigen Raumwelten-Schwerpunkte vorstellen und beginnen heute mit dem Panel Pop Up Spaces, präsentiert von der Raumwelten-Kuratorin Dr. Petra Kiedaisch. Für weitere Informationen zur Veranstaltung: www.raum-welten.com

Everybody goes pop-up!

Ein junges Format räumlicher Kommunikation erobert derzeit weltweit den öffentlichen Raum. Grundidee ist es, an ungewöhnlichen Orten kurzfristig ein besonderes und exklusives Erlebnis zu verschaffen. Im kulturellen wie kommerziellen Bereich hat man das riesige Potential dieser Form von Guerilla-Marketing erkannt, da es neue Schnittstellen zu Kunden und Publikum schafft. Es bietet die einmalige Chance, an die „Hot-Spots der jeweiligen Zielgruppe zu gehen – ob im urbanen Kontext, an der Rennstrecke oder auf der Skipiste im Gebirge“ so der Experte und Referent Dr. Jons Messedat bei den Raumwelten 2016. Der Vorteil im Vergleich zu großen Werbekampagnen: mit kleinem Etat und individueller Ansprache sein Publikum in kurzer Zeit zu erreichen.

Retail Spaces

Pop-Up-Stores entwickelten sich um die Jahrtausendwende aus dem Guerilla-Marketing amerikanischer Discounter, bevor die Idee von Modemachern in Europa übernommen wurde. Der erste Pop-Up Store in Deutschland wurde 2004 vom japanischen Modelabel Comme des Garcons eröffnet, im Hinterhof eines ehemaligen Buchladens in Ost-Berlin. Es folgten weitere Bespielungen von leerstehenden Lagerhallen, Garagen und Clubs. Virales Marketing über Mundpropaganda und soziale Medien verhalf schnell zu Attraktivität – das Konzept wurde zum Trend und von immer mehr Einzelhändlern und Marken übernommen. Heute ist das Phänomen im Massenmarkt angekommen und für Unternehmen ein attraktives Marketinginstrument zur Erschließung neuer Zielgruppen im B2C-Bereich: adidas bietet z.B. mit der Runbase in Berlin einen „Private Running Store“ , der Werkzeughersteller Würth erstmals einen „Family Store“ in der Herrenabteilung des Premium-Warenhauses Breuninger in Stuttgart (Gestaltung: D’art Design Gruppe).

Family_Store_Würth_Breuninger-Stuttgart-Foto_D'art Design_rgb
Pop-Up „Family Store“ von Würth im Breuninger Stuttgart. Foto: D’art Design Gruppe

 

Urban & Cultural Spaces

Auch Städte und Kommunen haben erkannt, dass sich Pop-Ups bestens dafür eignen, verlassene oder ungewöhnliche Orte und Gebäude wiederzubeleben. Zunehmend beziehen sie die Kreativszene oder beliebte Marken in ihre Planungsprozesse mit ein, um durch spektakuläre temporäre Aktionen möglichst viele Menschen oder potentielle Mieter anzulocken. Im Mannheimer Hafenquartier z.B. findet jedes Jahr die Kulturveranstaltung „Nachtwandel“ statt, in der Bewohner, Gewerbetreibende, Künstler und Kreative die unterschiedlichste Örtlichkeiten wie Läden, Werkstätten, Ateliers oder Hinterhöfe bespielen und so die Vielfältigkeit dieses Stadtteils im Wandel präsentieren. 2015 wurde dazu von Yalla Yalla ein temporärer Bau aus 150 Gitterboxen gestaltet. Und wie erfolgreich Pop-Up Spaces ganze Stadtviertel aufwerten können, beweist der aus 61 Containern bestehende „Boxpark“ im Londoner Stadtteil Shoreditch (Architektur: Waugh Thistleton Architects).

Boxpark_London Shoreditch_Foto_Boxpark_rgb
Pop-Up Mall “Boxpark” in London, Shoreditch. Foto: appearhere.co.uk

Die ehemalige No-Go-Area genießt jetzt Hipster-Status und lockt tausende Besucher, Kreative und Künstler an. Täglich wird dort ein vielfältiges Programm rund um Shopping, Kunst, Kultur und Gastronomie geboten.

Hospitality Spaces

In Zeiten gesteigerter Mobilität entspricht das Konzept der zeitlichen Begrenzung allen Bereichen unseres nomadischen Alltags. Auch fürs Reisen und die Freizeit entstehen immer mehr Orte, die kurzfristig  und exklusiv Logis und Genuss bieten. Pop-Up Hotels, Cafés und Restaurants sprießen aus dem Boden und locken mit atemberaubenden Locations oder prominenten Sterneköchen. Bereits 2011 ließ der Haushaltsgerätehersteller Electrolux drei Jahre lang ein exklusives Pop-Restaurant über die Dächer europäischer Metropolen wandern, in dem Spitzenköche mit seinen Produkten arbeiteten und die Gäste verwöhnten. Und zur Mailänder Expo 2015 beauftragte der Kreditkartenanbieter Master Card das italienische Architekturbüro PARK Associati, ein „travelling restaurant“ auf dem Dach das Pallazzo Beltrami  zu bauen, das während der Expo als Eventlocation gebucht werden konnte. Inzwischen kann sich jeder übers Internet und diverse Plattformen ein Pop-Up Dining, Spa oder Hotel mieten oder bauen lassen. Pop-Up hat auch den Dienstleistungssektor erobert.

Priceless_Mailand_1_Foto_Park Associati_Andrea Martiradonna_rgb
Pop-Up Restaurant „Priceless”, Mailand. Foto: Park Associati, Andrea Martiradonna

 

Diese Erfolgsgeschichte mit ihren vielfältigen Einsatzmöglichkeiten ergibt für die gesamte Kommunikationsbranche ein riesiges und attraktives Betätigungsfeld. Nur Architekten, Szenografen und Medienschaffende können die für Pop-Ups notwendigen temporären und begeisternden Raumkonzepte schaffen; nur Marketingspezialisten die dafür passenden interaktiven und erlebnisorientierten Kommunikationsinstrumente entwickeln – online wie offline. Unternehmen, Marken und Kommunen werden auch in Zukunft in dieses Format investieren, weil es mit vergleichsweise geringen Kosten eine große Anzahl Personen erreicht, interaktiv einbindet und begeistert.

Dr. Petra Karin Kiedaisch

Dr. Petra Karin Kiedaisch

Verlegerin und Herausgeberin bei av edition GmbH
Seit 2014 geschäftsführende Gesellschafterin des Verlags av edition GmbH in Stuttgart – zusammen mit Bettina Klett. Spezialisiert auf Fachbücher zu Szenografie und Kommunikation im Raum. Das Verlagsprogramm umfasst rund 150 Fachbücher in Deutsch/Englisch und ist weltweit im Buchhandel erhältlich: www.avedition.de.

Geboren 1967, studierte Petra Kiedaisch Germanistik, BWL und Literaturvermittlung in Heidelberg, Bamberg und Washington D.C. Von 1996 bis 2011 war sie Geschäftsführerin der avedition GmbH. Hier entwickelte und produzierte sie u.a. die internationalen Jahrbücher zu Messe-, Event- und Exhibition Design, verlegte das Jahrbuch des Art Directors Club sowie zahlreiche Monografien über international erfolgreiche Gestaltungsbüros. Im Anschluss wechselte sie zum Sachbuchverlag h.f. ullmann in Potsdam, wo sie als Verlagsleiterin tätig war. Dort betreute sie ein Programm von rund 300 Buchproduktionen pro Jahr, vertrieben in rund 20 Sprachen und 70 Ländern.

Lehrtätigkeiten und Gastvorträge: Universität Bamberg; Universität Tübingen; ZKM Karlsruhe; Hochschule der Medien Stuttgart; Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd; HTWK Konstanz; EMMA Pforzheim.

Publikationen bei Reclam, Niemeyer, Fink, avedition, Königshausen & Neumann. Zuletzt Mitherausgeberin von: Kompendium Corporate Identity und Corporate Design (2013)
Dr. Petra Karin Kiedaisch

Letzte Artikel von Dr. Petra Karin Kiedaisch (Alle anzeigen)

Veröffentlicht von

Dr. Petra Karin Kiedaisch

Seit 2014 geschäftsführende Gesellschafterin des Verlags av edition GmbH in Stuttgart – zusammen mit Bettina Klett. Spezialisiert auf Fachbücher zu Szenografie und Kommunikation im Raum. Das Verlagsprogramm umfasst rund 150 Fachbücher in Deutsch/Englisch und ist weltweit im Buchhandel erhältlich: www.avedition.de. Geboren 1967, studierte Petra Kiedaisch Germanistik, BWL und Literaturvermittlung in Heidelberg, Bamberg und Washington D.C. Von 1996 bis 2011 war sie Geschäftsführerin der avedition GmbH. Hier entwickelte und produzierte sie u.a. die internationalen Jahrbücher zu Messe-, Event- und Exhibition Design, verlegte das Jahrbuch des Art Directors Club sowie zahlreiche Monografien über international erfolgreiche Gestaltungsbüros. Im Anschluss wechselte sie zum Sachbuchverlag h.f. ullmann in Potsdam, wo sie als Verlagsleiterin tätig war. Dort betreute sie ein Programm von rund 300 Buchproduktionen pro Jahr, vertrieben in rund 20 Sprachen und 70 Ländern. Lehrtätigkeiten und Gastvorträge: Universität Bamberg; Universität Tübingen; ZKM Karlsruhe; Hochschule der Medien Stuttgart; Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd; HTWK Konstanz; EMMA Pforzheim. Publikationen bei Reclam, Niemeyer, Fink, avedition, Königshausen & Neumann. Zuletzt Mitherausgeberin von: Kompendium Corporate Identity und Corporate Design (2013)

One thought on “Blog-Reihe Raumwelten: Pop-Up Spaces Gastbeitrag von Dr. Petra Kiedaisch

  1. Auch wir haben uns Gedanken zu Pop-ups gemacht: Eröffnung eines neuen Pop-up Stores hier, neues Pop-up Restaurant da….
    Ok, auch bei uns taucht die Pop-up Idee immer wieder in vielen Brainstormings auf. Nur stellt sich mittlerweile die Frage: Ist „pop-up“ wirklich noch modern und up to date? Oder schon wieder ausgelutscht? Wann macht ein Pop-up-Konzept überhaupt Sinn? Oder will man nur auf einer Welle mitreiten? Weiter gehts im Blogbeitrag Pop-up-Stores und weitere Pop-ups

    http://www.brand-l.net/blog/2016/06/13/pop-up-store-und-sonstige-pop-ups/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.