Barbara. wurde zum Blogger des Jahres 2015 ohne Blog gewählt Chat-Interview mit der Aktionskünstlerin Barbara.

Grafik by Pia Kleine Wieskamp

Fallen Ihnen auch manchmal Schilder mit widersprüchlichen Texten auf? Unsinnige Worte und Hinweise, die einen nur den Kopf schütteln lassen. Die Künstlerin Barbara. schüttelt nicht nur den Kopf, sie reagiert, verändert und kommentiert solche Fundstücke im öffentlichen Raum. Im Januar wurde die anonym auftretende Barbara. bei der Preisverleihung der Goldenen Blogger 2015  per Online-Voting zum „Besten Blogger ohne Blog“ gewählt. Das klingt schon wieder so absurd, dass ich mich per Chat mit ihr unterhielt.

Was macht Barbara.?

Barbara. entlarvt Widersprüche, setzt sich mit sinnlosen Verboten auseinander und führt uns die Absurdität unserer Botschaften vor Augen.

Die Fanpage der Künstlerin Barbara. heißt schlicht: "Ich will anonym bleiben."
Die Fanpage-URL der Künstlerin Barbara. heißt schlicht: „Ich will anonym bleiben.“

 

Barbara. reagiert auf ihre Umwelt, kommentiert diese und kommuniziert in einer Metaebene mit der Öffentlichkeit. Barbara. verwandelt Fundstücke, Schilder und Plakate in neue Kunstwerke. Sie hinterlässt ihre Meinung, ihre Kommentare im öffentlichen Raum – an Bäumen, an Straßenlaternen und Mülleimern – und fotografiert die so kommentierten Bild-Aussagen. Diese neu entstandenen Kunstwerke verbreitet Barabara. anonym auf Facebook und Instagram. Barbara. tritt anonym in Dialog mit den Betrachtern, zerrt ihre Fundstücke in den weltweit öffentlichen Raum des Internets und hinterlässt dort Spuren. Die Kommentare der Menschen in Barbara.s Timeline setzen sich mit ihren Geschichten auseinander. Sie gehen auf einmal mit anderen „geöffneten“ Augen durch den Schilder-Dschungel. Barbara. erwirkt Veränderungen und regt ein oft passives Publikum zum Mitdenken an.

 

Dabei benutzt die Künstlerin sowohl Text- als auch Bildelemente. In ihrem Buch „Dieser Befehlston verletzt meine Gefühle“ heißt es dann auch: „Ich (k)lebe, also bin ich.“ Und sie trifft den Nerv der Zeit – alleine ihre Fanpage mit dem vielsagenden Namen facebook.com/ichwillanonymbleiben wird von mehr als 350.000 Fans geliked.

Chat-Interview mit Barbara.

Pia: Seit einiger Zeit fällt das „Ich bin Barbara.“ auf – wofür steht der Punkt?

Barbara.: Mein liebstes Logo ist das von AC/DC, mit dem Blitz in der Mitte, sowas ähnliches wollte ich auch und hab mich für den Punkt entschieden. Meine Oma hat immer zu mir gesagt: „Du musst auch mal nen Punkt machen!“

Pia: Und sind Sie glücklich über die Verbreitung Ihrer Botschaften?

Barbara.: Klar freut es mich, dass meine Botschaften verbreitet werden, sonst würde ich sie gar nicht erst in die Welt setzen.

Pia: Wie bezeichnen Sie das, was Sie machen?

Barbara.: Ich spiele mit dem öffentlichen Raum und hinterlasse dort meine Botschaften.

Pia: Barbara., ich habe einige Chat-Interviews mit Ihnen gelesen. Mir fällt auf, dass Sie häufig genau denselben Wortlaut für die Antworten nutzen – warum?

Barbara.: Weil häufig die selben Fragen kommen.

Pia: Sie sind letzte Wochen bei dem Award zum „Goldenen Blogger 2015“ mit dem Preis „Bester Blogger ohne Blog“ ausgezeichnet worden. Was bedeutet das für Sie?

Barbara.: Meine letzte Auszeichnung war vor vielen Jahren im städtischen Freibad das Seepferdchenabzeichen, meine Güte war ich stolz darauf. Das fühlt sich jetzt ähnlich gut an.

Pia: Und warum nutzen Sie keinen Blog?

„Ich bin Barbara.“ – die Minimalistin

Barbara.: Ich bin Minimalistin und versuche, so wenig Zeit wie möglich im Internet zu sein und mich mehr auf die reale Welt zu konzentrieren. Je mehr Kanäle ich aufmache, desto schwieriger ist das. Darum habe ich mich für die schnell und einfach zu handhabenden Kanäle der sozialen Netzwerke entschieden.

Pia: Barbara., Sie drücken sich in einem vielschichtigen Medium aus – Sie verändern Texte, überschreiben diese, drucken es aus und machen davon ein Foto. Oft wird es als Aktionskunst beschrieben. Wie beschreiben Sie Ihre Ausdruckform?

Barbara.: Mir ist eine bestimmte Beschreibung meiner Tätigkeit nicht so wichtig, ich überlasse das gerne anderen. Ich hinterlasse Botschaften und setze meine Ideen um. Ich habe sehr viel Freude daran und möchte mich nicht auf eine theoretische Linie festlegen. Es ist mir egal, ob das Street Art oder Aktionskunst oder sonstwie genannt wird.

Pia: Und was möchten Sie damit erreichen? 

Barbara.: Dasselbe wie alle anderen KünstlerInnen auch: meine Gedanken und Ideen umsetzen und sie den Menschen mitteilen.

Pia: Barbara., für Sie scheint der öffentliche Raum voller Botschaften zu stecken. Wie kommt es, dass Sie diese so bewusst wahrnehmen? Haben Sie manchmal das Gefühl, als einzige diese Botschaften zu sehen?

Barbara.: Ich laufe mit offenen Augen durch die Straßen und hinterfrage gerne Dinge, die meistens als gegeben hingenommen werden. Ich weiß aber, dass ich damit nicht alleine bin. Ich bekomme viel Feedback von Menschen, die sich ebenfalls damit auseinandersetzen.

Pia: Warum meinen Sie, darauf reagieren zu müssen?

Barbara.: Ich möchte mich in den öffentlichen Diskurs einmischen. Meine Meinung einbringen und Dinge ansprechen, die mir wichtig sind.

Pia: Und warum haben Sie gerade diese Form gewählt?

Barbara.: Ich liebe den Dschungel der Stadt und möchte ihn nicht kampflos den großen Werbeagenturen überlassen, die schadhafte Botschaften von Marlboro, McDonalds oder der BILD-„Zeitung“ in millionenfacher Auflage in den öffentlichen Raum brüllen. Es ist für mich ein durchaus befriedigendes Gefühl, wenn ich wenigstens ein kleines bisschen dagegen steuern kann, indem ich einen Zettel oder ein Plakat mit meiner Meinung hinterlasse.

Pia: Normalerweise tritt man ja in einem offenen Dialog – und schon gerade die Social Media Plattformen, die Sie nutzen, verlangen üblicherweise Transparenz? Sind Sie bewusst anders und widersprechen der „Gesellschaft“?

Barbara.: Ich bin Teil der Gesellschaft. Eben auf meine Art.

Pia: Barbara., Sie nutzen zur Verbreitung Ihrer kommentierten Fundstücke Plattformen wie Facebook und Instagram? Warum gerade diese?

Barbara.: Weil Myspace und Studi-VZ einfach nicht mehr so richtig funktionieren.

Barbara. – ein anonymer VIP

Pia: Der NDR vertritt in dem Bericht „Wer ist die Street-Art-Künstlerin Barbara?“ die Auffassung, dass Ihre Anonymität Teil Ihres Erfolgsrezepts sei und die Fantasie und Neugierde der Follower und Fans anregen würde. Teilen Sie diese Ansicht?

Barbara.: Darüber möchte ich nicht spekulieren. Ich möchte das meine Arbeit unabhängig von meiner Person betrachtet wird. Die Anonymität hat Vor- und Nachteile, aber ich bin ganz glücklich damit. Sollte sich das eines Tages ändern, werde ich vielleicht doch aus der Deckung kommen. Oder auch nicht.

Pia: Sie sind gerade als anonyme Persönlichkeit sehr gefragt bei den Medien: Ob Der Spiegel, Tagesthemen, das Heute-Magazin oder diverse weitere Medien, man reißt sich um sie. Hat das Auswirkungen auf Ihren Bekanntheitsgrad? 

Barbara.: Ich hoffe, dass das Interesse meiner Arbeit gilt. Klar erhöht ein Bericht in den Tagesthemen den Bekanntheitsgrad, und eine Stunde nach Ausstrahlung sind ein paar Tausend neue Leute auf meiner Seite. Für mich persönlich ändert sich dadurch aber nichts, da keiner in meinem privaten Umfeld über meine Tätigkeit bescheid weiß und die Welt sich nach solchen Berichten genau gleich schnell weiterdreht.

Pia: Barbara., in einigen Interviews meinten Sie, dass Sie die Freiheit der Anonymität für Ihre Aktionen bräuchten. Ich habe letztens eine Dokumentation von Keith Haring gesehen, der in seinen Anfangszeiten öffentlich Plakatwände in den U-Bahnen New Yorks als Aktionsfläche nutze. Er tat dies nicht versteckt oder bei Nacht und freute sich über die Äußerungen der Passanten, die Gespräche. Reizt Sie nicht auch manchmal ein Diskurs?

Barbara.: Der Diskurs findet in den Kommentaren zu meiner Arbeit statt, ich bekomme viel Feedback in den sozialen Netzwerken.

Pia: Gibt es einen kleinen Kreis an Menschen, die Sie als Urheberin der Kunstwerke von Barbara. kennen und mit denen Sie sich austauschen?

Barbara.: Es gibt nur einen Menschen, dem ich mich anvertraut habe. Alle anderen, Freunde und Familie, haben keine Ahnung, was ich da mache.

Pia: Und reizt es da nicht doch manchmal, die Anonymität aufzudecken und Geld mit der „Bekanntheit“ – also als Marke Barbara. – zu verdienen?

Barbara.: Coca Cola und Starbucks sind Marken. Ich bin Barbara. und möchte keine Marke sein.

Pia: Welche drei Wünsche hätten Sie, wenn Sie Ihnen erfüllt werden könnten?

Barbara.: Weltfrieden, ein neues System of a Down- Album und eine Pizza Quattro Formaggi.

Pia: Liebe Barbara., wir bedanken uns für das interessante Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viele originelle Fundstücke, die Ihre Kreativität anregen. Und falls Sie jemals Ihre Anonymität aufgeben werden, dann werde ich Sie sicherlich zu einer Pizza Quattro Fromaggi einladen 🙂

Pia Kleine Wieskamp

Kommunikationsexpertin bei POINT-PR
Pia Kleine Wieskamp arbeitet als selbstständige Kommunikationsexpertin, Trainerin und Beraterin in den Bereichen Storytelling (story-baukasten.de), Kommunikation und Marketing bei POINT-PR. Zudem ist sie als Bloggerin unterwegs.

Veröffentlicht von

Pia Kleine Wieskamp

Pia Kleine Wieskamp arbeitet als selbstständige Kommunikationsexpertin, Trainerin und Beraterin in den Bereichen Storytelling (story-baukasten.de), Kommunikation und Marketing bei POINT-PR. Zudem ist sie als Bloggerin unterwegs.

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