10 Jahre re:publica – Konferenz der digitalen Gesellschaft Ein Interview mit Julia Simone Ismiroglou

Vom 2. bis 4. Mai findet die re:publica, die „Konferenz der digitalen Gesellschaft” in Berlin statt. Und dieses Jahr feiert die Veranstaltung einen runden Geburtstag, denn sie findet zum zehnten Mal statt. In 2016 werden bis zu 8.000 Besucher aus 60 Ländern erwartet. Eine steile Entwicklung für das einstige reine Bloggertreff mit ein paar hundert Teilnehmern. Wir unterhielten uns mit Julia Simone Ismiroglou von newthinking, einem Gesellschafter der re:publica. 

Julia Simone Ismiroglou Foto: cc-by-sa 3.0 – Gregor Fischer
Julia Simone Ismiroglou
Foto: cc-by-sa 3.0 – Gregor Fischer

FAMAB-Blog: Frau Ismiroglou, die re:publica feiert in diesem Jahr ihr 10-Jähriges Jubiläum. Sie haben die Veranstaltung viele Jahre mit organisiert und sind mit newthinking Gesellschafter an der Veranstaltung. Was macht die re:publica so einzigartig?

Ismiroglou: Richtig verstehen kann man die re:publica erst, wenn man einmal live vor Ort gewesen ist. Das Event ist eine einzigartige Mischung aus Konferenz, Festival und Bildungsveranstaltung. Die re:publica spiegelt die digitale Gesellschaft wieder. Zudem treffen Sie dort auf viele verschiedene Gruppen, seien es BloggerInnen, JournalistInnen, politische VertreterInnen, Agenturleute, MittelständlerInnen, Start-ups oder auch interessierte Privatpersonen, die sich einen Überblick über den Wandel des Digitalen verschaffen möchten. Im Vergleich zu vielen anderen klassischen, inhaltsvermittelnden Formaten, ist die re:publica ein bunter Haufen. Es werden interaktive Konzepte mit klassischen Vorträgen gemischt und auch große Konzerne haben hier die Möglichkeit, sich und ihre Produkte auf eine ganz neue, spannende Weise zu präsentieren.

Die TeilnehmerInnen fühlen sich wohl, es gibt eine riesige Bandbreite an Themen, die entdeckt werden können. Das Design wird jährlich neu entworfen und erweckt bereits im Vorfeld Neugierde und Freude.

DienstleisterInnen und Gewerke sind sorgfältig ausgewählt, bezogen auf ihr Angebot, den regionalen Bezug sowie den Bezug zur Community und dem Netzwerk.

droidcon Berlin 2015 Foto: cc-by-sa 3.0 – Gregor Fischer
droidcon Berlin 2015
Foto: cc-by-sa 3.0 – Gregor Fischer

 

FAMAB-Blog: Können Sie uns in diesem Zusammenhang erklären was Open Source Strategie bedeutet?

Ismiroglou: Eine festgesetzte „Open Source Strategie” gibt es nicht, wohl aber Open Source als Verständnis für ein gemeinsames Miteinander. Der Begriff „Open Source“ stammt aus dem IT-Bereich. Es handelt sich um quelloffene Software, die den Menschen zu Verfügung gestellt wird. Open Source ist für uns ein Synonym für Transparenz sowie ein Aufruf, sich zu beteiligen. Ein typisches Beispiel für eine Open Source Anwendung ist das Betriebssystem Linux. Es geht darum, dass die NutzerInnen selbst entscheiden können, mit welchen Tools sie arbeiten, dass sie frei und unabhängig sind von proprietären Lösungen, welche ihre Möglichkeiten einschränken und sie dazu zwingen, Vorgegebenes zu akzeptieren.

Längst möchten Konferenzbesucher aktiv mitgestalten. Klick um zu Tweeten

Auf den Veranstaltungsbereich gemünzt bedeutet das, dass KonferenzteilnehmerInnen schon lange nicht mehr gewillt sind, sich dem vorgegebenen System der VeranstalterInnen anzupassen, sondern gerne und aktiv mitgestalten wollen. Das passiert z.B. über inhaltliche Einreichungen bei einem Call for Papers, durch Möglichkeiten der Mitwirkung vor Ort (z.B. Volunteering) oder durch Kontakt mit den Gästen über das ganze Jahr hinweg.

FAMAB-Blog: Content steht immer mehr im Zentrum. Wie binden Sie die Zielgruppen in die Agenda-Entwicklung ein?

Ismiroglou: Die Inhalte sind das Herzstück unserer Veranstaltungen. Am Thema interessierte Personen und Gruppen binden wir bereits lange vor dem eigentlichen Programm in den inhaltlichen Ablauf ein. Klassisch arbeiten wir mit Communities zusammen, um unsere Veranstaltungen lebendiger und bottom-up basiert aufzusetzen. Zum einen geschieht das bei unseren Konferenzen über unseren Call for Papers, bei dem jeder einreichen kann, um das Programm so demokratisch wie möglich zu gestalten. Zum anderen stellen wir Programmkomitees aus ExpertInnen zusammen, die aus unterschiedlichen Communities kommen. Seit 2015 bewerten die Mitglieder des Programmkomitees unserer Tech-Konferenzen alle Einreichungen aus dem Call for Papers anonymisiert. Wir wollen damit verhindern, dass Personen bevorzugt oder benachteiligt werden. Der Fokus liegt auf der Qualität der Inhalte.

Einen guten Überblick über unsere Arbeit und die Communities, mit denen wir arbeiten, erhält man am newthinking Stand auf der re:publica. Wir haben z.B. Vertreterinnen und Vertreter von unterschiedlichen Communities aus dem Open Source, Tech- und Digitale Medien-Bereich eingeladen (die Digital Media Women, die Free Software Foundation, Women Who Code, etc.), die aus ihrer Arbeit berichten und Impulse geben werden.

Zudem wird es einen Call for Papers-Workshop für ErsteinreicherInnen geben, bei dem die TeilnehmerInnen lernen, wie sie selbst einen Vortrag bei einer Konferenz einreichen können. Ebenso wird es einen Vortrag zum Thema Open Source geben, welche Möglichkeiten Privatpersonen und Unternehmen haben, mit freier Software zu arbeiten, und welchen Mehrwert das darstellt.

Das gesamte Programm unseres newthinking-Stands ist auf newthinking.de zu finden.

 

newthinling kündigt sein #rpTEN Programm an.
newthinking kündigt sein #rpTEN Programm an.

Eine schöne Möglichkeit ist auch, mit sogenannten Townhallmeetings zu arbeiten. Wenn die Projektidee noch in den Kinderschuhen steckt, warum dann nicht von Anfang an an die Öffentlichkeit gehen und Gleichgesinnte suchen, VisionärInnen, die vielleicht spannende Impulse haben, auf die man als klassischer Eventveranstalter so nicht gekommen wäre.

FAMAB-Blog: Ist das Ihrer Meinung nach ein zukunftsweisender Trend oder nur für spezielle Veranstaltungsformate/Konferenzen geeignet?

Ismiroglou: Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Art von Integration von Personengruppen für alle Formate anwendbar ist. Nehmen wir als Stichwort die „Leitmesse“ für einen (Fach)-Bereich. Wir sehen, dass diese in sich geschlossenen Bereiche sich mittlerweile öffnen und neue Formate andocken, sei es in Form von Satelliten-Events, die über eine ganze Stadt verteilt sein können, oder Subkonferenzen und Rahmenprogramme, die „über den Tellerrand” hinausschauen. Wenn wir bei newthinking unsere KundInnen und PartnerInnen beraten, raten wir auch immer dazu, das klassische Veranstaltungsformat zu erweitern, um mehr Lebendigkeit zu erreichen und Wissen transparent zu teilen.

Wir leben die Kommunikation der Konferenzbesucher

FAMAB-Blog: Welche Erfahrungen haben sie mit Besucherinteraktion gemacht (vor, während und nach der Veranstaltung)?

Ismiroglou: Wir haben sehr viele positive Erfahrungen gemacht. Wir leben die Kommunikation mit unseren TeilnehmerInnen: Das bedeutet, auch zeitlich angemessen auf etwas zu reagieren. Ich möchte hier ein Beispiel geben:

Bei einer unserer Konferenzen haben wir circa 5 Monate vor der Veranstaltung einen Tweet bekommen, wie es eigentlich mit dem Thema Barrierefreiheit auf der Veranstaltung aussieht. Wir waren selbst überrascht, dass wir dieses Thema noch nicht auf der Veranstaltungswebseite aufgegriffen haben. Das haben wir dann natürlich direkt nachgeholt und haben uns für den Hinweis bedankt. Das meine ich mit gelebter BesucherInneninteraktion. Die TeilnehmerInnen müssen das Gefühl haben, dass ihre Anmerkungen und Vorschläge auch gehört werden. Das Gleiche gilt natürlich für die Live-Kommunikation während der Veranstaltung. Es reicht lange nicht, täglich einen Post zu machen und somit das Gefühl zu haben, dass man sich als VeranstalterIn um den Bereich Social Media kümmert. Unser Kommunikationsteam beobachtet die sozialen Netzwerke auch während der Veranstaltung genauestens und kann so auf Fragen, Kritik oder Anregungen schnell reagieren.

Wenn wir als UmsetzerInnen einer Veranstaltung genau hinhören, können wir sehr viel über unser Format lernen.

Multikonferenzsystem auf Open Source Basis

FAMAB-Blog: Was sind die spannendsten Innovationen auf diesem Gebiet?

Ismiroglou: Wir haben auf Open Source Basis ein Multikonferenzsystem entwickelt, das auch für die Organisation der re:publica genutzt wird. Dieses bietet die Möglichkeit, sowohl den Call for Papers, das gesamte HelferInnen-Management als auch die Presseakkreditierung über ein System abzuwickeln. Das Tool ermöglicht es uns, dass sich Personen eigenständig eintragen und ein Profil anlegen können, z.B. wenn sie als HelferIn eine Schicht übernehmen möchten. Diese können sie dann mit ihrem Profil auch eigenständig eintragen. Es entfallen sämtliche Tabellen und Mails, was bei einer Anzahl von 600 HelferInnen eine immense Arbeitszeitersparnis bedeutet.

Ebenso sind aus meiner Sicht Live-Streaming Dienste, wie Periscope, spannend. Es handelt sich hier um eine App, die kostenlos heruntergeladen werden und mit der man live Vorträge streamen kann und sich App-NutzerInnen die Videos in Echtzeit anschauen können. Solche Entwicklungen muss ich als Veranstalterin auf dem Schirm haben, denn sie ändern die Art und Weise des inhaltlichen Konsums der TeilnehmerInnen.

FAMAB-Blog: In welche Richtung entwickeln sich zukünftige Begegnungsformate?

Ismiroglou: Die TeilnehmerInnen erhalten ein Forum, in welchem sie sich austauschen können. Ich merke bei unserer Arbeit, dass vor allem Meet-ups sehr beliebt sind. Bestimmte Gruppen treffen sich, um sich im informellen Rahmen und in kurzer Zeit über ein Thema auszutauschen. Zum Beispiel gibt es auf der re:publica ein Meet-up für VeranstaltungsmacherInnen.

Auch die Begegnung auf Augenhöhe ist wichtig. Das gilt für BesucherInnen ebenso wie für AusstellerInnen und PartnerInnen sowie für die OrganisatorInnen. Es müssen Orte geschaffen werden, die das ermöglichen. Das Virtuelle wird in meinen Augen das Physische nicht komplett ersetzen – das gilt auch für Veranstaltungen.

FAMAB-Blog: Wie verändert sich in diesem Kontext die Rolle von Agenturen oder MesseveranstalterInnen?

Ismiroglou: Die Agenturen oder VeranstalterInnen werden perspektivisch mehr als „GastgeberInnen“ wahrgenommen. Das bedeutet, dass die VeranstalterInnen einen Rahmen und eine Plattform mit ihrem Event zur Verfügung stellen und die Inhalte mehr und mehr aus der Zielgruppe heraus entstehen. Ein guter Gastgeber kümmert sich um das Wohl seiner Gäste, sorgt für eine angenehme Austausch-Atmosphäre, hält spannende Elemente bereit, so dass sich der Gast noch lange an den Aufenthalt erinnert. Es braucht Kreativität, Offenheit und Erfindergeist. Es geht nicht darum, die hochwertigsten Namensschilder zu drucken, sondern den TeilnehmerInnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie Teil von etwas sind.

FAMAB-Blog: Frau Ismiroglou, vielen Dank für das Gespräch.

Unsere Gesprächspartnerin:

Julia Simone Ismirouglou Foto: cc-by-sa 3.0 – Gregor Fischer
Julia Simone Ismirouglou
Foto: cc-by-sa 3.0 – Gregor Fischer

Julia Simone Ismiroglou (geb. Gemählich) leitet die newthinking communications GmbH mit Sitz in Berlin-Mitte seit 2014. Zuvor war sie dort Abteilungsleiterin Event sowie freiberuflich im Finanz- und Eventbereich tätig. Sie ist gelernte Veranstaltungsfachwirtin. Julia engagiert sich in verschiedenen Bereichen der Kreativwirtschaft, u.a. ist sie ordentliches Jury-Mitglied des Investors Dinners, einer Initiative des media.net Berlin/Brandenburg. Für die Industrie- und Handelskammer Berlin prüft sie die Aus- und Weiterbildung im Veranstaltungswesen und ist seit 2016 Mitglied des Ausschusses „Creative Industries”.
Privat war sie von 2010 bis 2013 ehrenamtliche Kas­sen­war­tin des all2gethernow e.V. und ist aktuell dabei, mit anderen MitstreiterInnen eine Firma im Kreativhotspot Thessaloniki zu gründen.

Veröffentlicht von

FAMAB-Redaktion

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